Kooperation statt Konkurrenz: Fusionen als Zukunftsmodell für Stadtwerke
Der zunehmende wirtschaftliche, regulatorische und technologische Druck im Energiesektor führt dazu, dass immer mehr Stadtwerke über Kooperationen oder Fusionen als strategischen Weg zur Sicherung ihrer Zukunftsfähigkeit in Betracht ziehen. Steigende Investitionsanforderungen in Netze, erneuerbare Energien und Wärmeinfrastrukturen, verschärfte regulatorische Vorgaben sowie ein zunehmender Wettbewerbsdruck erfordern neue Formen der Zusammenarbeit.

Die Ausgestaltung dieser Zusammenarbeit ist dabei vielfältig: Sie reicht von losen, projektbezogenen Kooperationen und Dienstleistungsverhältnissen über langfristige strategische Partnerschaften bis hin zu vollständigen Fusionen zweier eigenständiger Unternehmen.
Anders als in der Privatwirtschaft erfolgt die Partnerwahl im öffentlichen Sektor jedoch selten ausschließlich auf Basis betriebswirtschaftlicher Kriterien. Stattdessen prägen regionale Nähe, politische Interessen, kommunale Eigentümerstrukturen und Aspekte der Daseinsvorsorge die Entscheidungsfindung maßgeblich. Diese besonderen Rahmenbedingungen erhöhen die Komplexität von Stadtwerke-Fusionen erheblich – sowohl in der Vorbereitung als auch in der Umsetzung.
Fusionsphasen mit besonderen Anforderungen im öffentlichen Sektor
Auch bei der Fusion von Stadtwerken lassen sich grundsätzlich die klassischen Phasen eines M&A-Prozesses unterscheiden: Pre-Merger-, Merger- und Post-Merger-Phase. Diese Phasen sind im öffentlichen Sektor jedoch durch spezifische Anforderungen und Einflussfaktoren geprägt.
Die Pre-Merger-Phase ist bei Stadtwerken häufig besonders lang. Unterschiedliche Interessenlagen der beteiligten Kommunen, politische Entscheidungsprozesse, kommunalrechtliche Vorgaben sowie lokale Besonderheiten führen dazu, dass die strategische Grundsatzentscheidung oft über Monate oder sogar Jahre vorbereitet wird. Neben wirtschaftlichen Fragestellungen müssen die verantwortlichen Gremien eingebunden, Interessen von Bürgerinnen und Bürgern berücksichtigt und die langfristige Daseinsvorsorge weiterhin sichergestellt werden.
In der eigentlichen Merger-Phase stehen neben klassischen Vertrags- und Verhandlungsfragen insbesondere kommunalrechtliche, vergabe- und beihilferechtliche Anforderungen im Fokus. Gesellschafterbeschlüsse, Genehmigungen durch Aufsichtsbehörden sowie kartellrechtliche Prüfungen sind häufig zwingend erforderlich. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass die öffentliche Versorgung auch während des Zusammenschlusses uneingeschränkt leistungsfähig bleibt. In diesen Themenkomplex fallen beispielsweise teilweise hochkomplexe Tracking-Stock Vereinbarungen, die sicherstellen, dass die jeweiligen verlustigen Geschäftsbereiche der Daseinsvorsorge nicht solidarisiert werden, sondern individuell zugeordnet werden. Daneben betrifft dieser Bereich auch die Berücksichtigung bestehender steuerlicher Querverbünde.
In der Post-Merger-Phase folgen dann regelmäßig komplexe Integrationsprozesse, in denen unterschiedliche Organisationsstrukturen, IT-Systeme, Unternehmenskulturen und Tarifmodelle zusammengeführt werden. Hinzu kommt ein breites Stakeholder-Umfeld aus Behörden (z. B. Regulierungs- und Aufsichtsbehörden), Kommunalpolitik, Mitarbeitenden und Öffentlichkeit. Eine strukturierte Steuerung der Integration ist daher entscheidend für den nachhaltigen Erfolg der Fusion.
Zentrale Herausforderungen und Lösungen
Für eine gelungene Fusion ist es zum einen essenziell, alle relevanten Behörden frühzeitig in den Fusionsprozess einzubinden, um rechtliche und regulatorische Risiken zu minimieren. Insbesondere die Abstimmung mit Regulierungsbehörden – beispielsweise bei der Fusion von Netzgeschäften die Bundesnetzagentur oder die Landesregulierungsbehörden – ist unerlässlich. Dabei muss auch sorgfältig geprüft werden, wie sich die Fusion auf die Erlösobergrenze auswirkt. Dabei müssen auch aktuelle und absehbare Änderungen des regulatorischen Rahmens – etwa im Zuge des NEST-Prozesses der Bundesnetzagentur – berücksichtigt werden.
Einen weiteren wesentlichen Punkt stellen die steuerlichen Rahmenbedingungen dar. Eine Umstrukturierung oder Fusion soll keine steuerlichen Nachteile nach sich ziehen. Dazu gehört auch, dass ein bestehender steuerlicher Querverbund besondere Aufmerksamkeit benötigt. Im Zuge einer Transaktion können Änderungen der Beteiligungs- und Organisationsstruktur dazu führen, dass die Voraussetzungen für steuerliche Privilegien und einen Querverbund ganz oder teilweise entfallen. Stadtwerke-Fusionen erfordern daher eine vorausschauende steuerliche Strukturierung inklusive eines frühzeitigen Einbezugs der Finanzbehörden, um wirtschaftliche Nachteile für die Kooperationspartner und die Gesellschafter zu vermeiden.
Zudem stellt die Bewertung der Anteile und Assets eine zentrale Fragestellung dar, da Stadtwerke Vermögenswerte halten, die teilweise bilanziell unter ihrem tatsächlichen Marktwert angesetzt sind. Durch die Berücksichtigung stiller Reserven kann der Anteilswert realistisch abgebildet werden, sodass die Gesellschafter nach einer Transaktion fair und transparent am fusionierten Unternehmen beteiligt sind. Dies ist entscheidend, um die Akzeptanz zu sichern und wirtschaftliche Gerechtigkeit zwischen den Gesellschaftern herzustellen.
Einerseits soll die Kooperation beziehungsweise Fusion wirtschaftlich effizient erfolgen und langfristige Kosteneinsparungen ermöglichen, andererseits muss sie sozialverträglich gestaltet werden. Im öffentlichen Bereich bestehen oftmals besondere Besitzstandsgarantien für Unternehmensteile und Beschäftigte, etwa die Angleichung von Gehaltstarifen oder erweiterter Kündigungsschutz. Ein professionelles Change- und Kommunikationsmanagement ist daher essenziell, um Unsicherheiten zu vermeiden, Vertrauen zu schaffen und Fachkräfte langfristig zu binden.
Die Harmonisierung energiewirtschaftlicher Prozesse, insbesondere der Marktkommunikation, der Integration von IT-Systemen und des energiewirtschaftlichen Datenmanagements, ist bei Stadtwerke-Fusionen ein wesentliches Erfolgs- und Risikofeld. Für einen störungsfreien Übergang sollten Prozesse und IT-Schnittstelle frühzeitig analysiert und vereinheitlicht werden, um regulatorische Vorgaben wie zum Beispiel beim Lieferantenwechsel, der Marktkommunikation oder Redispatch 2.0 einzuhalten. Versäumnisse können zu Störungen in den Prozessen und Sanktionen führen. Ein professionelles Projektmanagement ist daher essenziell.
Auch Vertrieb, Preisgestaltung und Markenauftritt gehören zu den kritischen Erfolgsfaktoren. Stadtwerke sind stark lokal verankert; Tarife, Kundensegmente und Vertriebsstrategien unterscheiden sich oft erheblich. Im Zuge einer Fusion müssen Tarifstrukturen geprüft und gegebenenfalls harmonisiert, Vertriebsprozesse zusammengeführt und eine gemeinsame Markenidentität entwickelt werden, ohne gewachsene Kundenbeziehungen zu gefährden. Eine sorgfältige Planung, klare Kommunikation und enge Abstimmung sind erforderlich, um Kundenabwanderung zu vermeiden, Preisgerechtigkeit sicherzustellen und die Akzeptanz der neuen Marke zu fördern.
Ausblick und Chancen
Fusionen von Stadtwerken weisen eine hohe Komplexität auf und gehen mit vielfältigen Gestaltungsoptionen und Herausforderungen einher. Sie erfordern daher eine enge Verzahnung rechtlicher, steuerlicher, wirtschaftlicher und politischer Expertise. Richtig umgesetzt bieten sie jedoch erhebliche Chancen: Zukunftsfähigkeit, höhere Effizienz, nachhaltige Kosteneinsparungen, stärkere Innovations- und Investitionskraft sowie bessere Voraussetzungen zur Gewinnung und Bindung von Fachkräften.
Ansprechpartner:innen: Thomas Straßer/Oliver Eifertinger/Benedikt Doms/Sophia von Hake/Carina Bönisch/Maximiliane Schwab
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NIS2-Sprechstunde
📅 10. Februar | 11:00–11:45 & 12:45–13:30 Uhr (J. W. Horváth)
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