Perspektiven für die Kommunalwirtschaft im 21. Jahrhundert – ein Interview mit Dr. Florian Bieberbach

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(c) Martin Hangen
(c) Martin Hangen

Ob private oder kommunale Unternehmen effizienter arbeiten, darüber wird gestritten seit es den Wettbewerb gibt. Wissenschaftliche Studie können keine grundsätzlichen Unterschiede in der Arbeitsweise feststellen (wir berichteten). Aber nicht immer bestimmen Fakten das öffentliche Meinungsbild. In den 1990er Jahren haben viele Kommunen ihre Energieversorgungsunternehmen privatisiert, mit dem Ziel ihre Effizienz zu steigern und ihre Kosten und Preise zu senken. Funktioniert hat das nicht wirklich. Seit einiger Zeit scheint der Trend wieder in Richtung Rekommunalisierung zu gehen. Wie steht die Kommunalwirtschaft also heute da? Wir haben mit jemanden gesprochen, der es wissen muss. Dr. Florian Bieberbach ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke München (SWM), eines der größten kommunalen Unternehmen in Deutschland.

BBH-Blog: Sehr geehrter Herr Dr. Bieberbach, die Argumente, Energie- und Wasserversorgung, ÖPNV und Abfallentsorgung in kommunale Hände zu geben, wiegen schwer: Kommunale Unternehmen sind dem Gemeinwohl verpflichtet und haben eher langfristige, nachhaltige Unternehmensstrategien im Blick als kurzfristige Gewinnmaximierung und Risikogeschäfte. Allerdings sind viele Kommunen finanziell so schwach ausgestattet, dass notwendige Investitionen in Infrastrukturen stocken. Wie bleibt man als kommunales Unternehmen hier handlungsfähig?

Florian Bieberbach: Stadträte und Gemeinderäte müssen ihrer Verantwortung für kommunale Infrastruktur gerecht werden, auch in Zeiten knapper Kassen. Sie müssen den kommunalen Unternehmen die finanziellen Mittel belassen, damit diese laufend investieren können. Wird dies unterlassen, droht ein Verlust an Substanz; Qualität und Versorgungssicherheit sind bedroht. Und dann ist der Ruf nach Privatisierung schnell zu hören. Aber natürlich müssen auch kommunale Unternehmen selbst ihren Beitrag leisten, Investitionen möglich zu machen. Dazu gehört insbesondere die strikte Einhaltung des Sparsamkeitsgebots. Das wird Daueraufgabe bleiben.

BBH-Blog: Sie haben mit 40 Jahren den Vorsitz der Geschäftsführung der SWM übernommen und sind einer der jüngsten Manager in der Stadtwerke-Szene. Ist das ein Vorteil für das Unternehmen?

Florian Bieberbach: Die geringere Erfahrung nach „nur“ 20 Berufsjahren ist natürlich ein Nachteil. Dafür bin ich weniger geprägt von der Energiewirtschaft der Vergangenheit und kenne nur Wettbewerb, Umbruch und Energiewende. Das macht das Unternehmen vielleicht offener für neue Themen. Umbrüche werden die Kommunalwirtschaft auch in den nächsten Jahrzehnten herausfordern. Deren Bewältigung ist am Ende aber eher eine Frage der Geisteshaltung als des Lebensalters.

BBH-Blog: 70.000 Nutzer gefällt ihr Facebook-Profil und auch sonst scheinen die SWM keine Berührungsängste mit Social Media zu haben. Wie wichtig sind diese neuen Kanäle für Stadtwerke?

Florian Bieberbach: Für uns sind diese Kanäle extrem wichtig. Kundeninformation, Beschwerdeannahme, Open Innovation, Krisenkommunikation usw. – alles bewegt sich in die Social Media und läuft dort schnell und effizient. Die Zukunft der Kommunalwirtschaft ist ganz klar online, mindestens zu großen Teilen.

BBH-Blog: Wenn man sich speziell die Energiewirtschaft anschaut, dann ist es vor allem die Digitalisierung und die daraus resultierenden Prozesse, die der Branche gerade zu schaffen macht. Manche befürchten gar, dass kommunale Versorger hier abgehängt werden könnten. Wie treten Sie der Digitalisierung entgegen?

Florian Bieberbach: Als Informatiker habe ich schon immer darauf Wert gelegt, dass die SWM eine sehr leistungsfähige und große IT-Abteilung haben. In der IT braucht man insbesondere exzellente, eigene Mitarbeiter. Damit ist man offen für neue technologische Entwicklungen und sieht sie mehr mit Begeisterung als mit Sorge.

BBH-Blog: Die Energiesparte ist klassischerweise das Zugpferd im Portfolio der Stadtwerke, das andere Geschäftsfelder wie den Bäderbetrieb oder den ÖPNV ausgleicht. Nun wird das Hauptgeschäft selbst für viele ein Problemfall, da die Großhandelspreise für Strom niedrig sind und die eigenen Kraftwerke sich immer weniger rentieren. Sind Erneuerbare Energien die Lösung?

Florian Bieberbach: Erneuerbare Energien sind eine wichtige Lösung für die Menschheit, aber das Geschäft mit ihnen ist inzwischen genauso hart wie das konventionelle Kraftwerksgeschäft. Die Situation, dass ein Bereich eines Stadtwerks dauerhaft üppige Margen verdient und damit den Rest finanziert, wird sicherlich nicht wiederkommen. Jedes Teilgeschäft muss sich künftig wirtschaftlich optimal aufstellen, keiner darf dauerhaft große Verluste erwirtschaften. Chancen liegen in der noch stärkeren Integration unserer Angebote.

BBH-Blog: Sehr geehrter Herr Dr. Bieberbach, herzlichen Dank für das spannende Gespräch!

 

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