Mann in Anzug und Brille lehnt an einem Tisch.

Interview: Wasserwirtschaftliche Jahrestagung mit Lars Schmidt, Kaufmännischer Geschäftsführer, Harzwasserwerke GmbH

Vom 28.1.2026 bis 30.1.2026 findet in Meisenheim die Wasserwirtschaftliche Jahrestagung „Wachsende Investitionen in der (Ab-)Wasserwirtschaft erfolgreich umsetzen“ statt. Die Branche steht vor enormen Herausforderungen: Ein großer Teil der Infrastruktur erreicht das Ende seiner Nutzungsdauer, Klimawandel, demografische Veränderungen und neue Vorschriften erfordern zusätzliche Anpassungen. Der Investitionsbedarf könnte von rund 10 auf 40 Mrd. EUR pro Jahr steigen.

Wie können Unternehmen diese Investitionen effizient umsetzen? Wie gelingt der Wandel von Betriebs- zu Investitionsunternehmen? Und wie wirken sich die Investitionen auf die Entgelte aus? Diese Fragen diskutieren wir mit Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft und Verbänden – unter anderem mit Lars Schmidt, Kaufmännischer Geschäftsführer, Harzwasserwerke GmbH.

BBH-Blog: Die (Ab-)Wasserwirtschaft steht vor der Herausforderung massive Investitionen, Klimaanpassungen und Versorgungssicherheit gleichzeitig zu managen. Wenn Sie das aus Ihrer Perspektive betrachten – wo liegt aktuell die größte Stolperfalle?

Lars Schmidt: Die größten Stolperfallen liegen aus meiner Sicht aktuell in der Finanzierbarkeit der anstehenden Investitionsmaßnahmen sowie schlicht auch in deren zeitnaher Umsetzbarkeit. Selbst wenn die Finanzierung gesichert ist, müssen Ressourcen vorhanden sein, die herausfordernden Projekte auch umzusetzen. Wir erleben bereits jetzt, dass ausführende Unternehmen hier an ihre Grenzen geraten oder schlicht nicht verfügbar sind. Bei aller Euphorie über technischen Fortschritt: KI legt keine Rohrleitungen. Erschwerend kommt hinzu, dass die behördlichen Genehmigungsverfahren die Anpassungsgeschwindigkeit der Branche eher reduzieren.

BBH-Blog: 10 Mrd. EUR an Investitionen jährlich heute, 40 Mrd. EUR im Schnitt bis 2045 – das ist eine enorme Summe. Wie lässt sich dieses Wachstum praktisch umsetzen?

Lars Schmidt: Der Schlüssel liegt aus meiner Sicht vor allen Dingen in einem wirklich effektiven Assetmanagement. Wir müssen unter Berücksichtigung angemessener Risikoprofile versuchen, die wichtigsten Themen zuerst anzugehen sowie die wirtschaftliche Nutzungsdauer von Anlagen weiter zu verlängern, um zeitliche Spielräume bei der Erneuerung zu haben. „Alles auf einmal“ werden wir nicht schaffen. Zudem bin ich davon überzeugt, dass in der Branche immer noch zu wenig zusammengearbeitet wird und wir in vielen Bereichen sehr kleinteilig unterwegs sind. Unser Geschäft lebt von Skaleneffekten, Zusammenarbeit schafft Synergien.

BBH-Blog: Welche Wege sind nötig, um die anstehenden Investitionen zu stemmen? Und lassen sich bereits jetzt Auswirkungen auf die Entgelte feststellen?

Lars Schmidt: Auswirkungen auf die Entgelte sind bereits jetzt deutlich spürbar und auch rein betriebswirtschaftlich unvermeidbar. Den Verbrauchern zu suggerieren, dass die Erneuerung weitgehend abgeschriebener Anlagen oder die Finanzierung zusätzlicher Investitionen aufgrund veränderter Rahmenbedingungen (zum Beispiel zusätzliche Aufbereitungsstufen aufgrund von Stoffeinträgen in das Rohwasser) ohne Entgelterhöhungen darstellbar sind, halte ich für unverantwortlich. Entscheidend wird sein, die erforderlichen Entgeltsteigerungen in einem verträglichen und bezahlbaren Rahmen zu halten und außerdem auch Abgaben wie die Wasserentnahmegebühr rein zweckgebunden für die Wasserversorgung zu verwenden.

BBH-Blog: Die Branche muss sich wandeln: Betriebsunternehmen müssen zu Investitionsunternehmen werden. Macht Ihnen diese Veränderung Sorge oder Angst – und wie gehen Sie damit um?

Lars Schmidt: Sorge oder Angst habe ich nicht, da ich großes Vertrauen in die vielen kompetenten Beschäftigten in unserer Branche habe, die auch in der Vergangenheit immer wieder kreative und hochgradig wirtschaftliche Lösungen für aufkommende Probleme gefunden haben. Wir selbst haben bei den Harzwasserwerken diesen Fokuswechsel bereits ganz gut gemeistert, es ist aber sicherlich auch noch ein Weg zu gehen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir weiterhin Betriebsunternehmen bleiben, um unserem Versorgungsautrag gerecht zu werden.

BBH-Blog: Was wird aus Ihrer Sicht oft unterschätzt, aber künftig entscheidend sein, damit die (Ab-) Wasserwirtschaft nachhaltig und wirtschaftlich erfolgreich bleibt?

Lars Schmidt: Der Wert sauberen Trinkwassers. Wir haben uns in Deutschland sehr daran gewöhnt, Trinkwasser in der gewohnten Qualität jederzeit zu geringen Preisen/Entgelten verfügbar zu haben. Das ist selbst in vielen anderen Ländern der EU nicht selbstverständlich. Es muss uns allen gelingen, das Bewusstsein für diesen Wert zu schärfen, um Akzeptanz dafür zu schaffen, dass sich der Wert des Wassers auch in Preisen und Entgelten widerspiegeln muss.

Am Ende noch eine Bemerkung: Spart nicht an Aus- und Weiterbildung von Fachleuten. Auch das braucht Zeit und wir werden beides brauchen. 

BBH-Blog: Sehr geehrter Herr Schmidt, vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf weitere Diskussionen im Rahmen der Wasserwirtschaftlichen Jahrestagung ab dem 28.1.2026.

Hier finden Sie den Link zur Agenda und hier geht es zur Anmeldung.

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