Interviewreihe: Carsten Hoffmann, Vorstandsvorsitzender GGEW AG
Am 18.3.2026 findet die BBH-Jahreskonferenz in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin statt. Unter dem Titel „STABIL FÜR MORGEN – MUT STATT ATTENTISMUS“ wollen wir nach einem Jahr Bundesregierung ein Zwischenfazit ziehen: Wo gab es, gibt und soll es noch Aufbruch geben? Denn immerhin hat diese Bundesregierung mit dem „Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität“ ein Instrument zur Verfügung, von dem frühere Regierungen nur träumen konnten. Doch wenn es nicht zielgerecht eingesetzt wird, ist jedes Instrument nur ungenutztes Potential.
Das alles wollen wir mit den Teilnehmer:innen der Jahreskonferenz diskutieren. Und mit einigen Impulsgeber:innen haben wir im Vorfeld Interviews geführt, die sich von ihrer Warte dem Thema genähert haben. Die Interviewreihe setzen wir heute mit Carsten Hoffmann, Vorstandsvorsitzender GGEW AG, fort.
BBH-Blog: Für unsere Konferenz verknüpfen wir ganz selbstverständlich das Thema Stabilität mit dem „Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität“. Was ist aus Ihrer Sicht der beste Einsatz des Sondervermögens, um „stabil für morgen“ zu werden?
Carsten Hoffmann: Zunächst sollten wir uns bewusst machen, was mit dem Begriff „Sondervermögen“ gemeint ist. Tatsächlich handelt es sich um kreditfinanzierte Mittel – also um Investitionen, die kommende Generationen mittragen werden. Gerade deshalb müssen sie konsequent in zukunftssichere Infrastruktur fließen. Aus unserer Sicht heißt das: Investitionen in leistungsfähige und digitalisierte Energienetze, in Speichertechnologien, grüne Erzeugungsanlagen und in eine verlässliche Wärmeinfrastruktur, die nachhaltige Wertschöpfung bringt. Die Energiewende entscheidet sich nicht nur in den Übertragungsnetzen, sondern vor allem im Verteilnetz vor Ort. Wenn wir erneuerbare Erzeugung, Elektromobilität und Wärmepumpen integrieren wollen, brauchen wir ausreichend dimensionierte Netze und intelligente Steuerungssysteme. Wir würden uns wünschen, dass mit dem Sondervermögen den Stadtwerken finanziell mit Eigen- und oder Fremdkapital mit verlässlichen Rahmenbedingungen und nicht formal ausufernd der Rücken gestärkt wird. Kurz gesagt: Das Sondervermögen ist eine Chance, wenn es in strukturelle, werthaltige Modernisierung investiert wird – nicht in kurzfristige Effekte, wie beispielsweise dem Stopfen von Haushaltslöchern oder die Gewährung von Wahlgeschenken, zu denen etwa die Streichung von Umlagen oder Steuerreduzierung zählen. Wer heute in Netze, Wärme und Infrastruktur investiert, sichert wirtschaftliche Stärke, Klimafestigkeit und Versorgungssicherheit – und handelt im Sinne der Generationengerechtigkeit. Dazu zählt auch die Investition in Bildung und Bildungseinrichtungen. Das ist einer der größten Werte, den wir in diesem Land haben.
BBH-Blog: Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine einzige mutige Maßnahme – frei von Parteizwängen und Interessengruppe – sofort durchsetzen. Was wäre das?
Carsten Hoffmann: Das wäre ein langfristig stabiler, vereinfachter und vor allem pragmatischer Rahmen für Investitionen in die Energie- und Infrastrukturwende. Stadtwerke investieren in Netze, Erzeugungsanlagen, Wärmeinfrastruktur oder Speicher mit sehr langen Planungshorizonten. Dafür brauchen wir klare, konsistente und über Jahre hinweg stabile Leitplanken und vor allem schnellere Genehmigungsverfahren, die nicht Jahre, sondern Monate dauern. Und das mit einem deutlich niedrigeren Regelungsumfang.
BBH-Blog: Was hilft am besten gegen Attentismus?
Carsten Hoffmann: Attentismus entsteht dort, wo Unsicherheit auf fehlende Entscheidungsbereitschaft trifft. Das bewirkt Stillstand, den wir uns zukünftig nicht mehr leisten können. Was am besten dagegen hilft, ist eine klare Richtung und der Mut, ins Handeln zu kommen. Wir dürfen nicht darauf warten, dass jedes Detail geregelt ist oder das nächste Förderprogramm perfekte Bedingungen schafft. Wir brauchen jetzt eine Mentalität, die strukturelle Probleme direkt anspricht und in einem konstruktiven Lösungsmodus schnell in die Umsetzung kommt. Wenn etwas nicht passt, muss schnell nachjustiert werden. Das Land braucht jetzt mehr Geschwindigkeit.
BBH-Blog: Sehr geehrter Herr Hoffmann, herzlichen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf die weitere Diskussion im Rahmen unserer Jahreskonferenz am 18. März 2026.