Interviewreihe: Dr. Christoph Müller, Vorsitzender der Geschäftsführung und Arbeitsdirektor, Amprion GmbH
Am 6.10.2025 findet der Parlamentarische Abend in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin statt: Im Fokus steht das Thema „Resiliente Infrastrukturen – infrastrukturelle Resilienz“ – mit Diskussionen zu den Aufgaben und Herausforderungen, die Infrastruktur zu erneuern, zu bewahren, zu schützen – und sie dabei so resilient wie möglich zu machen.
Zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gehören Entscheiderinnen und Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Verbänden – und mit eben diesen Impulsgeberinnen und Impulsgebern haben wir im Vorfeld Interviews geführt, die wir an dieser Stelle veröffentlichen werden. Die Interviewreihe setzen wir heute mit Dr. Christoph Müller, Vorsitzender der Geschäftsführung und Arbeitsdirektor, Amprion GmbH fort.
BBH-Blog: Lieber Herr Dr. Müller, das Thema unseres Interviews sind resiliente Infrastrukturen. Das Wort Resilienz wird in diesen Tagen häufig verwendet (z.B. resiliente Wirtschaft, Lieferketten, Bevölkerung). Was bedeutet das für im Zusammenhang mit Infrastrukturen?
Dr. Christoph Müller: Ganz grundsätzlich gesprochen bedeutet Resilienz in Infrastrukturen, kritische Systeme vorausschauend so zu organisieren und auszustatten, dass sie
Extremereignisse und Störungen verkraften. Das schon immer praktizierte n-1-Prinzip der Stromnetze ist hier ein gutes Beispiel. Das Stromnetz hat immer einen doppelten Boden, das heißt, für den Fall, dass eine Leitung oder Anlage ausfällt, gibt es immer eine Alternative. Die Resilienz kritischer Infrastruktur ist eine nationale Aufgabe, denn sie ist die Basis für Sicherheit und letztlich auch Wettbewerbsfähigkeit. Wir müssen also sektorübergreifend unsere Strukturen und Prozesse auf Praxistauglichkeit anschauen, und das auch mit höchster politischer Priorität.
BBH-Blog: Viele deutsche Straßen und Brücken sind marode, Glasfaserkabel sind Ziel von Sabotageaktionen und Stromnetze werden stärker denn je beansprucht. Wie resilient sind unsere Infrastrukturen heute?
Dr. Christoph Müller: Ich möchte die Bewertung des Zustands von Brücken und Straßen den dafür zuständigen Kolleginnen und Kollegen überlassen. Für das Übertragungsnetz
kann ich sagen: Wir haben in Deutschland einen im weltweiten Vergleich herausragenden Versorgungssicherheitsstandard. Das ist einer unserer Standortfaktoren in Deutschland. Und diese Versorgungssicherheit entsteht im Netz. Das bedeutet nicht, dass wir uns darauf ausruhen. Steigen die Anforderungen, müssen wir entsprechende Maßnahmen ergreifen. Das schauen wir uns bei Amprion sehr genau an und verbessern fortlaufend unsere Schutzsysteme.
BBH-Blog: Welches sind aus Ihrer Sicht die Top-Maßnahmen, die man jetzt ergreifen muss, um die Resilienz unserer Infrastrukturen zu verbessern?
Dr. Christoph Müller: Bei der Krisenvorsorge braucht es die pragmatische Zusammenarbeit von Politik, Behörden und Unternehmen. Seien wir ehrlich: Die Szenarien, die wir
jetzt diskutieren, sind für uns alle neu. Daher sind übergreifende Krisenübungen, also gerade auch für das Zusammenspiel von Politik, Behörden und Unternehmen ganz wichtig. Zugleich müssen wir der Tatsache ins Auge schauen, dass wir auch mit allen Mühen und Vorsorgemaßnahmen, das Risiko für externe Störungen oder Sabotageaktionen an kritischen Infrastrukturen nie ganz verhindern können. Entscheidend ist daher eine funktionierende und tatkräftige Betriebsmannschaft, die im Falle des Falles schnell Schäden beheben und die Versorgung wiederherstellen kann. Wir Übertragungsnetzbetreiber und die großen regionalen Verteilnetzbetreiber haben diese tatkräftige Mannschaft – das sind die wahren Heldinnen und Helden der Resilienz!
Und uns muss klar sein: Resilienz gibt es nicht kostenlos. Investitionen in das Netz stärken das Netz. Ein attraktiver Investitionsrahmen ist notwendige Bedingung hierfür. Ein unzureichender EK-Zins setzt das Signal, Investitionen in Resilienz eher zu vermeiden.
BBH-Blog: Wie tragen Sie durch Ihre Arbeit dazu bei, dass die Infrastrukturen in Deutschland widerstandsfähiger werden?
Dr. Christoph Müller: Als Übertragungsnetzbetreiber ist Resilienz seit jeher Teil der unternehmenseigenen Verantwortung. Aktive Risikovorsorge, umfangreiche Investitionen und Vorbereitung auf Notfälle – sowohl im Sinn der Vorhaltung von Ersatzequipment als auch Krisenübungen, sind ein Teil unserer Maßnahmen. Unabhängig davon, ob ein großer Schaden am Stromnetz durch einen Orkan oder durch einen Sabotageakt ausgelöst wird: Wir stehen immer bereit, darauf zu reagieren.
BBH-Blog: Was gibt Ihnen Zuversicht, dass wir diese wichtige Aufgabe bewältigen werden?
Dr. Christoph Müller: Unsere gut ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen in der Systemführung als auch im Betrieb, die genau wissen, wofür sie arbeiten: Damit die Lichter immer leuchten! Und dabei auch die unwahrscheinlichsten Szenarien vorausdenken. Und die am Ende jeden Einsatz übernehmen, um die Versorgung aufrecht zu halten.
BBH-Blog: Sehr geehrter Herr Dr. Müller, herzlichen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf die weitere Diskussion im Rahmen unseres Parlamentarischen Abends am 6.10.2025.