Rituale des Jahreswechsels

(c) Martin Beckmann

Die Zeit der Jahreswende nutzen nicht nur Bundeskanzlerin und Bundespräsident für ihre Ansprachen. Auch Menschen wie Sie und wir halten inne, schauen zurück und blicken nach vorn. Man könnte vielleicht sagen: Das ist ein Ritual. Wir brauchen das. Es gibt uns Perspektive und Struktur. Es ermöglicht uns, den Kosmos im Chaos zu erkennen – und auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen. Dieses Bedürfnis ist am Ende des einen und Beginn des neuen Jahres besonders groß, und deshalb ist es kein Zufall, dass kaum eine Jahreszeit so voller Rituale steckt wie diese:

Das Ritual des Zurückschauens („Das Fondue mit Familie/Freunden“)

Silvester sitzen viele Familien und Freundeskreise zusammen um einen dampfenden Kessel, essen Fondue und sprechen vom letzten Jahr.

Das Jahr 2011 war für die Energiewirtschaft sicherlich kein gewöhnliches. Zwar haben sich im Tatsächlichen, bei den in der Praxis tagtäglich anzuwendenden Regeln, gar nicht so viele Dinge in dem Jahr verändert. Aber die Katastrophe von Fukushima hat – zusammen mit anderen Einflüssen – dafür gesorgt, dass energiepolitische Entscheidungen in Deutschland von immenser Tragweite getroffen wurden. Letztlich steht uns ein vollständiger Umbau der Energiewirtschaft, wie wir sie kennen, bevor.

Augenfällig wird das natürlich vor allem im Strombereich: Erneuerbare Erzeugung, Marktintegration und Speichertechnologien lassen aus der „Energiewende“ in den Augen der Öffentlichkeit zunächst eine „Stromwende“ werden. Die weiteren Schritte aber, vor allem im Bereich der Effizienz (und hier der Heizung), werden erst in Jahren und Jahrzehnten in vollem Umfang erkennen lassen, was es wirklich heißt, eine komplexe und hoch industrialisierte Gesellschaft von ihren alten Energieträgern in eine neue, ökologisch nachhaltigere Welt zu überführen.

Die deutsche Energiewelt war also seit dem Frühjahr mit einer kaum gekannten Schnelligkeit vorangeprescht, in seltener Einmütigkeit standen die Lager Seit’ an Seit’. Nun haben wir eine neue Ausgangslage, neue Gesetze, neue Verordnungsermächtigungen, neue europäische Leitlinien, die wir im kommenden Jahr und darüber hinaus mit Leben füllen müssen … Was wir oft so hochtrabend als „Energiewende“ bezeichnen (und dieser Blog macht da keine Ausnahme!), ist doch in Wahrheit nur ein Auftakt für eine Jahrzehnte währende Aufgabe, deren Früchte dereinst unsere Kinder und Kindeskinder ernten sollen.

Einschub in eigener Sache

Wenn man bedenkt, wie viele Blogeinträge die Energiewende hervorgebracht hat, muss man sagen, dass es wohl eine Fügung des Schicksals war, dass der BBH-Blog (gestartet als derenergieblog.de) im Februar 2011 das Licht der Welt erblickte. Wir wussten nicht, wie Sie, unsere Leser, dieses neue Kommunikationsmedium aufnehmen werden. Wir wussten auch nicht, ob wir genügend Themen und Autoren finden würden, den Blog mit stetigem Leben zu füllen. In beiden Fällen können wir auf ein ausgesprochen positives Start-Jahr zurückblicken.

Wir möchten uns daher ganz herzlich bei allen Leserinnen und Lesern bedanken, die immer wieder www.bbh-blog.de anklicken und die Beiträge lesen. Wir möchten uns bei denen bedanken, die uns Feedback gaben, auch solches für Verbesserungen und neue Themen. Wir möchten auch allen fleißigen Autorinnen und Autoren und dem Redaktionsteam hinter dem Blog danken. Es war ein furioser Auftakt, der unsere Hoffnungen übertroffen hat und ohne die geleistete Unterstützung nicht möglich gewesen wäre. Nun aber weiter:

Das Ritual des Abwehrens böser Geister („Silvesterknaller“)

Nach dem Fondue-Essen, wenn es dann Mitternacht schlägt, wird angestoßen und dann geknallt: Raketen, Böller, Heuler machen Krach, Rauch und Gestank. Und trotzdem verballern die Deutschen Millionen Euro in wenigen Minuten. Dahinter steckt ein altes Ritual, man will die bösen Geister vertreiben.

Auf die Energiewirtschaft gewendet könnte man von einer Reihe von bösen Geistern sprechen. Die große Mehrheit ist sich einig, dass die Atomenergie so ein böser Geist ist, den man jetzt austreiben muss. Viele Anwohner wollen gern Neubauprojekte wie Strom- oder Gasleitungen, Kraftwerke oder Windkraftanlagen aus ihrer Nachbarschaft verjagen – auch wenn ihnen bewusst ist, dass entsprechende Projekte irgendwo hin müssen (aber hier: „not in my backyard“ – NIMBYs). Die Wirtschafts-, Banken-, Finanz- oder Eurokrise wäre es auch wert, durch ein paar gut gezielte Raketen verjagt zu werden.

Genau diese Krisen aber rufen die Verschärfung der Finanzmarktregeln (Stichworte MiFID (Markets in Financial Instrument Directive, REMIT etc.) hervor, die – teilweise in den Energiemarkt hinüberschwappend – Energieunternehmen nachteilig betreffen können. Hier wird sicherlich noch ein großes Feuerwerk der aufeinander prallenden Meinungen zu sehen sein.

Das Ritual der Vorhersage („Blei gießen“)

Und dann gehört zu Silvester noch der alte Brauch des Blei Gießens, eine Orakelei nicht unähnlich dem Geschäft der römischen Haruspices. (Allerdings sind Bleiklumpen vielleicht ein massenkompatiblerer Anblick als Tiereingeweide.)

Das Jahr 2012 wird für die Energiewirtschaft so einiges bereithalten. Gleich zu Jahresanfang wird die Antragsphase für die Emissionszertifikate der dritten Handelsperiode auslaufen. Man darf gespannt sein, wie sich die Preise der Zertifikate zwischen Beantragung und Ausschüttung noch verändern werden. Dann erwarten die Energiehändler mehr Klarheit über die Finanzmarktaufsicht, die ihnen droht. Die Netzbetreiber werden wissen wollen, wie die Investitionsanreize aussehen sollen, damit sie in die Netzstabilität investieren können. Die Energieintensiven fragen zunehmend dringlich, wie ihnen ihr tägliches Vorhalten als Abwurflast für die Netzstabilität vergütet wird. Alle sind gespannt, wie sich die Gesetze der Energiewende in der Praxis bewähren – und wo kurzfristig nachgebessert werden muss. Man wird das Thema Effizienz (einschließlich der KWK) angehen. Und und und …

Zwei Vorhersagen können wir machen, die sicherlich eintreffen: Es wird spannend bleiben. Und der BBH-Blog wird (nach unseren Blog-Ferien bis zum 4.1.2012)  für Sie weiter schreiben.

In diesem Sinne: Guten Rutsch und Prosit* Neujahr!

(*Prosit (lat.) = es möge nutzen)

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