Carbon Management: 2024 als Jahr des Handelns?

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2024 könnte ein bedeutendes Jahr für das Carbon Management im weiteren Sinne werden, nachdem im vergangenen Jahr hierzulande die Bemühungen und Förderungen in diesem Bereich ins Stocken geraten waren. Dies betrifft sowohl die Carbon Capture and Storage-Technologie (CCS), Carbon Capture and Usage (CCU) als auch sogenannte Carbon Direct Removals (CDR), welche die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre mit den beiden erstgenannten Technologien verbinden. Ende Dezember 2023 wurde eine umfassende Studie für Methodologien für die Zertifizierung industrieller Kohlenstoffentnahmen mit dauerhafter Speicherung veröffentlicht. Diese knüpft unmittelbar an den Vorschlag der Europäischen Kommission vom 30.11.2022 für einen Rechtsrahmen für die Zertifizierung von Kohlenstoffentnahmen an.

Selbstbegrenzung in Deutschland

In Deutschland ergab sich eine ungewöhnliche Allianz zwischen BDI, DGB und den Umweltverbänden WWF und NABU: Sie sprechen sich in einem am 10.1.2024 veröffentlichten Positionspapier für den aus ihrer Sicht dringend notwendigen Einsatz von CCS- und CCU-Technologien aus, um das deutsche und europäische Klimaziel zu erreichen und den Wirtschafts- und Technologiestandort Deutschland langfristig zu sichern. Ungewöhnlich mag diese Allianz deshalb erscheinen, weil es aus dem Lager der Umweltverbände bis zuletzt erhebliche Bedenken und Misstrauen gegenüber diesen Technologien gab. Insoweit ist es nicht verwunderlich, dass die nun geäußerte gemeinsame Position dem Einsatz der Technologien zugleich gewisse Grenzen aufzeigen möchte.

Betont wird das Prinzip der vorrangigen CO2-Vermeidung und Reduktion vor einer Abscheidung von CO2. CCS und CCU sollten danach vor allem dort eingesetzt werden, wo CO2-Emissionen nach aktuellem technischem Stand nicht vermieden werden können (im Bereich der „unvermeidbaren Restemissionen“). Diese Einsatzoption verschließt zwar nicht gänzlich die Tür im Bereich fossiler Kraftwerke – bis auf Weiteres schwer vermeidbar sind ja u.a. auch die Emissionen aus der thermischen Verwertung von Abfällen. Sie war letztlich aber Ursache dafür, dass CCS in Deutschland bislang als „tote Technologie“ angesehen werden könnte und gesetzlich sogar verboten ist. Die neue gemeinsame Positionierung wichtiger Verbände stellt nun den Einsatz von CCS im Bereich der anderweitig schwer zu transformierenden Sektoren in den Vordergrund, also insbesondere die Zement- und Baustoff-Industrie und bestimmte Zweige der Chemieindustrie (sog. „hard-to-abate-Emissionen“). Diese Position entspricht damit ziemlich genau der politischen Linie der Bundesregierung.

Pläne zum Hochlauf auf EU-Ebene

Dass diese „Selbstbegrenzung“ sich auch auf europäischer Ebene durchsetzen wird, scheint momentan sehr fraglich. Die Kommission hat für den 6.2.2024 die Veröffentlichung eines „Industrial Carbon Management Plan“ angekündigt. Dem aktuell kursierenden geleakten Entwurf zufolge geht die Kommission davon aus, dass die europäischen Klimaschutzziele ohne den Einsatz von CCS im industriellen Maßstab keinesfalls mehr zu erreichen sind. Deshalb könnten ab 2050 die Abscheidung von bis zu 450 Millionen Tonnen CO2 jährlich aus Punktquellen wie Industrieanlagen und auch Kraftwerken erforderlich werden, darunter über 100 Millionen Tonnen fossiles und biogenes CO2 aus Kraftwerken. Nach Plänen der Europäischen Kommission sollen bereits 2030 CO2-Speicher für 50 Millionen Tonnen zur Verfügung stehen, wofür allein Investitionen von rund 13 Milliarden Euro veranschlagt werden.

Zugleich betont die Kommission die Notwendigkeit, den Hochlauf dieser Technologien in erheblicher Weise finanziell zu unterstützen. Neben der Frage der Finanzierung der eigentlichen Abscheidungsanlagen steht konkret ein Volumen von 20 Milliarden Euro an Fördermitteln unter der Connecting Europe Facility (CEF) für Pipelineinfrastrukturprojekte im Raum, die als IPCEI („Important Project of Common European Interest“) anerkannt sind. Es ist zu erwarten, dass sich in den nächsten Monaten verstärkt Projektkonsortien bilden und Akteure sich auch öffentlich positionieren werden, um eine Unterstützung für einen breiteren Einsatz der Transformationstechnologien CCS und CCU einzufordern. Ein Regulierungspaket für den grenzüberschreitenden diskriminierungsfreien Pipelinetransport wurde ebenfalls bereits angekündigt.

Carbon Management im EU-ETS

In punkto Finanzierung wird seit Längerem eine Integration verschiedener Carbon-Management-Lösungen in das EU-ETS diskutiert. Die bisherigen eher knappen Aussagen der EU-Kommission deuten darauf hin, dass sowohl ein breites Spektrum an Technologien als auch Einsatzzwecken darunterfallen könnte. Neben CCS bei industrieller CO2-Abscheidung könnte das auch die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre (Direct Air Capture /DACCS) sowie Bioenergie (BECCS) und unterschiedliche Speicherungsdauern (Permanenzen) betreffen. Ein solches Vorgehen ist allerdings sehr umstritten. Kritiker führen unter anderem an, dass auf diese Weise die Grenze zwischen „echter“ Dekarbonisierung und einer Verlängerung fossiler Technologien verschoben werden könnte. Daneben werden vor allem bezüglich CCU-Technologien Probleme hinsichtlich der Dauerhaftigkeit der CO2-Reduktion in der Atmosphäre und damit dem effektiven Nutzen für den Klimaschutz ins Feld geführt.

Eine weitere Diskussion entspinnt sich um Fragen der effektiven Bilanzierung und Überprüfung (Accounting) der abgeschiedenen CO2-Mengen. Dies erinnert an die Herausforderungen, die sich gerade im letzten Jahr hinsichtlich der europäischen (Grün-)Stromkennzeichnung gezeigt haben. Es bleibt abzuwarten, wie die Europäische Kommission diesen Bedenken begegnen wird. Gegenwärtig werden in der Wissenschaft hierzu verschiedene vermittelnde Accounting-Ansätze bzw. Vorschläge zum sogenannten Emission-Liability-Management diskutiert.

Nach der revidierten Emissionshandelsrichtlinie ist spätestens bis zum 31.7.2026 ein Bericht zur Integration der CO2-Entnahme in den EU-ETS vorzulegen.

Es bleibt spannend

Wie auch immer sich der politische Strategie- und Rechtsrahmen für CCS/CCU und CDR in den kommenden Monaten entwickeln wird, das Investitionsklima heizt sich spürbar auf – zumal sich in mehreren EU-Nachbarstaaten konkrete Projekte im industriellen Maßstab in fortgeschrittenen Entwicklungsphasen befinden.

Die Antworten der deutschen Politik auf die vielfältigen Fragen und Herausforderungen wird hoffentlich die Carbon-Management-Strategie der Bundesregierung geben, die ursprünglich für den Sommer 2023 angekündigt war. Wir bleiben dran.

Ansprechpartner*innen: Dr. Martin Altrock/Dr. Olaf Däuper/Dr. Tigran Heymann/Frederik Braun/Dr. Anna Dost/Christine Kliem

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