Wie digitale Wissensvermittlung in der Wasserwirtschaft funktioniert: Im Gespräch mit den Gründerinnen von knowH2O

Dank vielfältiger Streaming-Portale sind wir es gewohnt, Videos und Podcasts immer dann rezipieren zu können, wenn es in unseren Zeitplan passt. Das gilt natürlich längst nicht mehr nur für Filme und Serien, sondern auch für digitale Weiterbildungsformate. Ein Portal speziell zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Wasserwirtschaft suchte man bisher allerdings vergeblich. Das ändert sich nun. Am 1.2.2022 ging das Portal knowH2O mit Unterstützung von Becker Büttner Held online. Was steckt genau dahinter? Wir haben uns mit Dr. Juliane Thimet, Dr. Hella Runge und BBH-Rechtsanwältin Beate Kramer unterhalten, die maßgebliche Ideengeber des Portals sind.

BBH-Blog: Liebe Frau Dr. Thimet, liebe Frau Dr. Runge, liebe Frau Kramer, Sie kommen aus drei ganz unterschiedlichen Disziplinen, aber Sie eint der Fokus auf die Wasserwirtschaft. Vielleicht stellen Sie sich kurz vor?

Thimet: Gerne! Ich bin seit 2016 stellvertretende Geschäftsführerin des Bayerischen Gemeindetags. Das ist ein kommunaler Spitzenverband mit mehr als 2.000 Städten und Gemeinden und dazu 250 Zweckverbänden der Wasserversorgung bzw. Abwasserbeseitigung als Mitgliedern. Fachlich habe ich über die Jahre den Bogen geschlagen von der Baujuristin an verschiedenen Landratsämtern, über das kommunale Abgabenrecht bis hin zum Wasserrecht in all seinen Facetten. Bürgermeister, Verwaltungsmitarbeiter und Techniker erwarten von mir täglich schnelle Problemanalysen und „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Runge: Seit 2008 bin ich als Hydrogeologin in der Wassererkundung und Erschließung für Industriebetriebe und kommunale Wasserversorgung überwiegend in afrikanischen und asiatischen Staaten tätig. Von 2015 bis 2019 habe ich die Chefredaktion der gwf Wasser|Abwasser übernommen, der ältesten deutschsprachigen Fachzeitschrift für die Wasser- und Abwasserwirtschaft. An der Fachhochschule Münster habe ich einen Lehrauftrag im Fachbereich Bauingenieurwesen, ebenso im kooperierenden Masterstudiengang Wasserwissenschaften der WWU und FH Münster.

Kramer: Ich bin Rechtsanwältin und seit 2010 bei Becker Büttner Held tätig. Dort berate ich Wasserver- und Abwasserentsorgungsunternehmen bei allen Rechtsfragen rund um die Wasserwirtschaft. Im Schwerpunkt befasse ich mich mit vertraglichen Themen – z.B. zu Löschwasser, Industriekunden, Wasserlieferung zwischen Wasserversorgern, AVBWasserV, aber auch Abwasserbeseitigung und Klärschlamm – sowie mit Fragen an den Schnittstellen von Recht zu Technik bzw. Betriebswirtschaft.

BBH-Blog: Geballtes Branchenwissen also! Wie wichtig war diese Konstellation für das Konzept Ihres Portals?

Runge: Sehr wichtig, weil es die Facetten der Wasserwirtschaft abbildet: verschiedene berufliche Schwerpunkte, unterschiedliche Standpunkte und vor allem Lösungsansätze. Wir müssen im Kleinen genauso auf einen Nenner kommen wie in der Realität. Wenn man zum Ziel kommen will und die Herausforderungen gemeinsam meistern, muss man sich in die Lage des Gegenübers versetzen, seinen Standpunkt verstehen und kompromissfähig werden.

BBH-Blog: Welche Herausforderungen sind das, denen sich die Wasserwirtschaft aktuell und in Zukunft stellen muss?

Kramer: Viele und sehr unterschiedliche Herausforderungen! Wie viel Zeit haben wir für das Interview? (*lacht*)

BBH-Blog: Vielleicht geben Sie uns einen Überblick über die großen Linien?

Kramer: Ein Riesenthema ist auch hier das Klima. Die klimatischen Veränderungen bescheren der Wasserwirtschaft heiße Sommer, niederschlagsarme Winter und sturzflutartige Regenereignisse. Die Wasserversorgungsunternehmen sind oftmals auf das regionale Grundwasserdargebot angewiesen, das vielerorts zusehends knapper wird. Gleichzeitig wird die Qualität des Grundwasserdargebots in einigen Regionen Deutschlands beispielsweise durch landwirtschaftliche Nutzung beeinträchtigt. Aufgrund der Klimafolgen und natürlich schlicht aufgrund des Alters werden Investitionen in die Infrastrukturen nötig, was sorgfältig zu planende Finanzierungsprojekte sind. Entgelte werden künftig häufiger ansteigen. All das muss in den Gesellschafterkreis, die Politik und Öffentlichkeit rechtzeitig und richtig kommuniziert werden. Herausfordernd auch: Rechtliche, technische, betriebswirtschaftliche Aspekte können kaum isoliert betrachtet werden. Das Wissen hierüber kann eine einzelne Person nicht mehr abdecken. Auch bei der ohnehin spezialisierten BBH ist die Vernetzung der Mitarbeiter zentral. Hinzu kommt aber weiter, dass in den nächsten Jahren viele erfahrene Fachkräfte der Wasserwirtschaft mit einem Wissen aus teils Jahrzehnten nach und nach ausscheiden. Geeigneter und interessierter Nachwuchs muss gefunden und aufgebaut werden.

Thimet: Und dazu kommen Ereignisse, die keiner vorhersehen konnte, wie die aktuelle Pandemielage. Als ehrenamtliche Vorsitzende der Wasserwerksnachbarschaften Bayern e.V. bekomme ich direkt mit, was das für die Branche bedeutet. Rund 4.000 technische Mitarbeiter aus Bayerns Wasserwerken nutzen jährlich dessen Präsenzveranstaltungen für Erfahrungsaustausch und Fortbildung. Seit „Corona“ kann keine dieser Veranstaltungen mehr stattfinden. Da überlege ich mir natürlich, wie sich vorhandenes Wissen zeitgemäß darstellen, besser vernetzen und vor allen Dingen für jeden Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin zugänglich machen lässt.

BBH-Blog: Lässt sich so ein spezielles Fachwissen gerade im Wasserbereich denn überhaupt rein digital vermitteln?

Thimet: Nichts geht über den persönlichen Kontakt und die persönliche Beratung. Beides ist aber zeitaufwendig und nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort einfach abrufbar. Als Juristin „alter Schule“ genieße ich natürlich auch sauber recherchierte und verständliche Fachbeiträge oder Gerichtsentscheidungen. Allerdings wächst eine neue Generation heran, die über das digitale Netz und weniger über das klassische Bibliothekswesen sozialisiert worden ist. Für alle Altersgruppen ist das „Googlen“ von Inhalten selbstverständlich geworden. Das Problem ist allerdings: Das Internet kennt kein Qualitätsmanagement – dazu bedarf es eines unabhängigen digitalen Fachportals. Und genau da knüpfen wir an.

BBH-Blog: Das „Netflix“ für die Wasserwirtschaft also?

Thimet: Ganz so unterhaltsam wie „Haus des Geldes“ sind unsere Beiträge – fürchte ich – nicht. (*lacht*)

Runge: Wir haben aber natürlich auch einen anderen Ansatz. Wir wollen nicht nur unterhalten, wir möchten vor allem auch Fachwissen effektiv vermitteln. Der Rahmen ist allerdings durchaus mit Netflix vergleichbar: knowH2O ist überall verfügbar und jeder kann sich das aussuchen, was ihn gerade am meisten interessiert. Ob man thematisch interessiert ist oder neugierig auf die Kommentare der Kolleginnen und Kollegen der anderen Institutionen und Unternehmen: Niemand muss seine Herausforderungen alleine stemmen, man muss nur wissen, wo man Unterstützung findet.

BBH-Blog: Lernen funktioniert ja vor allem auch über Austausch. Kommt dieser in einem digitalen Portal nicht zu kurz?

Kramer: Die Wissensplattform wird den persönlichen Austausch nie ganz ersetzen können. Diesen Anspruch haben wir auch nicht. knowH2O ergänzt aber das persönliche Netzwerk wie auch den nicht selten fachlich und/oder regional begrenzten Austausch. Zudem darf man nicht vergessen, dass in den Köpfen der Wasserwirtschaft viel Erfahrung und Wissen gesammelt ist, das – mit Blick auf die Altersstruktur – nicht ewig zur Verfügung stehen wird und meist (noch) nirgendwo abrufbar dokumentiert ist. Hierfür ist ein digitales Portal geradezu prädestiniert.

Thimet: Unsere Stärke ist das unabhängige Zusammenführen verschiedenster Disziplinen. Information „on demand“ und immer spartenübergreifend. Wir alle müssen uns als Spezialisten den Blick für’s Ganze abrufbar machen.

Runge: Ergänzend dazu:  Wir reagieren natürlich auch auf die Bedürfnisse unserer Nutzer der Plattform und entwickeln das Portal kontinuierlich weiter. Es soll ein lebendiges Werkzeug werden, mit zeitgemäßen Kommunikationsmöglichkeiten.

BBH-Blog: Vielen Dank! Wir wünschen viel Erfolg.

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