Interviewreihe: Marcel Malcher, BBH-Partner und Vorstand BBH Consulting AG

Am 24.4.2024 findet die BBH-Jahreskonferenz in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin statt. Im Mittelpunkt steht das Thema Energie in seiner Gesamtheit, seiner systemischen Verknüpfung und seiner Entwicklungsperspektive. „Energie heute & morgen“ ist daher auch der Titel der Veranstaltung. Zu den Teilnehmer:innen gehören Entscheider:innen aus Politik, Wirtschaft und Verbänden – und mit eben diesen Impulsgeber:innen haben wir im Vorfeld Interviews geführt, die wir an dieser Stelle veröffentlichen werden. Heute: Marcel Malcher, BBH-Partner und Vorstand BBH Consulting AG.

BBH-Blog: Energie ist ein essenzieller Teil Ihres beruflichen Lebens. Welcher Aspekt genießt dabei bei Ihnen heute die höchste Priorität?

Marcel Malcher: Es ist schwierig, eine höchste Priorität zu benennen, da wir uns inmitten des größten Umbaus der Energiewirtschaft befinden, den ich in meiner über 25-jährigen Berufserfahrung erlebt habe. Dieser Umbruch macht die Aufgaben äußerst anspruchsvoll und komplex. Meine Hauptberatungstätigkeit konzentriert sich auf Stadtwerke. Dies beinhaltet die Identifizierung von Potenzialen für die Erzeugung erneuerbarer Energien sowohl im Bereich der Stromversorgung als auch bei der Neugestaltung der Wärmeversorgung, und umfasst ebenfalls Beratungsdienstleistungen in Organisations-, Prozess- und Personalfragen.

BBH-Blog: Damit wir von der „Energie heute“ zur „Energie morgen“ kommen, brauchen wir einen Transformationsprozess. Welcher Baustein wird Ihrer Meinung nach dabei immer wieder unterschätzt? Und welcher überschätzt?

Malcher: Ein oft unterschätzter Baustein im Transformationsprozess ist die soziale Akzeptanz und das Bewusstsein der Bürger:innen. Die Einführung neuer Technologien erfordert nicht nur technische Innovationen, sondern auch die Zustimmung und das Engagement der Gemeinschaft. Wenn die Öffentlichkeit nicht ausreichend informiert, eingebunden oder überzeugt ist, kann dies den Erfolg der Transformation erheblich behindern.

In Bezug auf Technologie wird oft unterschätzt, wie entscheidend die Entwicklung von Speichertechnologien für erneuerbare Energien ist. Während erneuerbare Energiequellen wie Sonne und Wind immer mehr genutzt werden, sind effiziente Speichermöglichkeiten unerlässlich, um die Schwankungen in der Energieerzeugung auszugleichen und eine zuverlässige Versorgung zu gewährleisten. Es bedarf weiterer Innovationen und Investitionen, um die Skalierbarkeit, Effizienz und Wirtschaftlichkeit von Energiespeichern zu verbessern.

In vielen Fällen werden meines Erachtens die Skalierbarkeit und die potenziellen Auswirkungen spezifischer Technologien überbewertet. Die Wärmepumpe wird beispielsweise oft als rasche Antwort auf die Herausforderungen der Energiewende dargestellt, ohne angemessen zu prüfen, ob sie in großem Umfang umsetzbar ist.

Es ist essenziell, realistische Erwartungen zu haben und eine sorgfältige Evaluierung verschiedener Technologien durchzuführen, um sicherzustellen, dass ein passender Technologiemix aus erneuerbarer Energie gewählt wird. Dieser sollte die spezifischen Gegebenheiten und Anforderungen der jeweiligen Versorgungsgebiete angemessen berücksichtigen. Oft werden die beträchtlichen Unterschiede in der Wärmetransformation zwischen städtischen und ländlichen Gebieten sowie die damit einhergehenden Herausforderungen im urbanen Raum nicht angemessen berücksichtigt. Gleichzeitig wird meiner Meinung nach oft überbewertet, dass allein eine kommunale Wärmeplanung ausreicht, um die Wärmewende erfolgreich zu gestalten. Bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Wärmewende im städtischen Raum treten diverse Herausforderungen auf. Die vielfältigen Gebäudestrukturen, darunter alte und ineffiziente Gebäude, sowie der begrenzte Platz machen die Einführung neuer Technologien schwierig. Die vorhandene Infrastruktur für die Wärmeversorgung muss mit erheblichen Investitionen modernisiert oder erweitert werden, um den Anforderungen einer nachhaltigen Wärmewende gerecht zu werden.

BBH-Blog: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die ehrgeizigen Pläne für die Transformation des Energiesystems in Deutschland und Europa bis zur Mitte des Jahrhunderts nicht umgesetzt sind?

Malcher: Es ist schwierig, die Wahrscheinlichkeit für ein solches Szenario genau zu quantifizieren, da viele Faktoren eine Rolle spielen. Die Umsetzung ehrgeiziger Pläne zur Transformation des Energiesystems hängt von verschiedenen Variablen ab. In Deutschland und Europa wurden bereits beträchtliche Fortschritte bei der Förderung erneuerbarer Energien und der Reduzierung der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen erzielt. Dennoch gibt es auch Hindernisse und Herausforderungen auf dem Weg zur Umsetzung dieser Pläne, wie etwa politische Uneinigkeit, finanzielle Belastungen und technologische Hürden. Auch externe Ereignisse wie geopolitische Entwicklungen können die Umsetzung beeinflussen.

Insgesamt könnte man sagen, dass die Wahrscheinlichkeit für das Scheitern dieser Pläne eher gering ist, da die politische und öffentliche Unterstützung für eine nachhaltige Energiewende in Deutschland und Europa weiterhin stark ist und die Notwendigkeit einer solchen Transformation zunehmend anerkannt wird.

BBH-Blog: Zum Abschluss: Welche Farbe assoziieren Sie mit dem Begriff „Energie“? [Anm. der Redaktion: Es geht ausdrücklich nicht um eine Wasserstofffarblehre o.ä., sondern um die ganz persönliche Empfindung.]

Malcher: Eine kraftvolle Farbe: sonnengelb. Sie ruft in mir Bilder von Bewegung, Kraft und Vitalität hervor, sie erhellt den Himmel und erfüllt die Welt mit Wärme und Leben. Es ist eine Farbe, die mich mit positiver Energie auflädt und motiviert.

BBH-Blog: Sehr geehrter Herr Malcher, herzlichen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf die weitere Diskussion im Rahmen unserer Jahreskonferenz am 24.4.2024.

Hier finden Sie den Link zum Programm und hier geht es zur Anmeldung.

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