Gemeinsam gegen die Kälte – Stresstest der Kommission lässt mögliche Engpässe bei der Gasversorgung im Winter erkennen

(c) BBH
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Wie abhängig sind wir von russischem Gas? Kann die EU einen Winter ohne russischen Gaslieferungen überstehen, ohne dass die Anlagen kalt werden? Am 16.10.2014 hat unser scheidende Energie-Kommissar Günther Oettinger die Ergebnisse eines „Gas-Stresstests“ vorgestellt, der diese Frage beantworten soll. Der Test kommt insgesamt zu einem positiven Ergebnis: Wenn alle solidarisch zusammen arbeiten, kommen wir auch über längere Gasunterbrechungen hinweg, ohne dass Endkunden abschalten müssen.

Das dürfte die deutschen Verteilnetzbetreiber aufatmen lassen. Schließlich sind sie es, die bei Versorgungsengpässen die Abschaltungen der Endkunden vornehmen müssen und dafür bestimmte Vorgaben einhalten müssen (Auszug Leitfaden Versorgungssicherheit Gas: Bericht folgt). Aber können sich Netzbetreiber diesen Winter wirklich entspannt zurück lehnen? Was genau sind Inhalt und Aussagen des Stresstests?

Der Stresstest untersucht zwei Szenarien: Einerseits die Unterbrechung der Lieferung durch die Ukraine und andererseits einen kompletten Lieferstopp für russischen Gas: Für beide Szenarien wird ein Zeitraum von sechs Monaten angenommen.

Zunächst: Ohne russisches Gas wird es teuer. Nach dem Bericht der Kommission wäre die Alternative Liquefied Natural Gas (LNG). Normalerweise liegt der Anteil an LNG in der Gasversorgung der EU bei rund 7 Prozent – Gas aus Russland macht 22 Prozent aus. Sollte letzteres für sechs Monate wegfallen, würde der Anteil des LNG auf 33 Prozent steigen. Angesichts des signifikant höheren Preises von LNG rät die Kommission, die Speicher aufzustocken bzw. sich mit Kaufoptionen für LNG abzusichern. Zwar betont der Bericht, dass die Mitgliedstaaten der EU derzeit mit einer durchschnittlichen Speicherauslastung von ca. 90 Prozent gut dastehen, aber diese Vorräte wären im Falle einer ernsthaften Krise eben auch schnell aufgebraucht.

Wie sich eine solche Krise auswirkt, hängt nach dem Bericht stark davon ab, wie sich die Mitgliedstaaten verhalten. Klar ist, dass osteuropäische Länder stärker betroffen wären. In beiden Szenarien würden Bulgarien, Rumänien, Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina zumindest gegen Ende der sechs Monate Versorgungslücken von (weit mehr als) 40 Prozent zu befürchten haben. Nimmt man einen totalen Lieferstopp für russisches Gas an, dann wären Lettland, Estland und Finnland in gleichem Umfang betroffen; Finnland und Estland würden sogar etwa 60 Prozent des benötigten Gases fehlen. Auch Ungarn und Polen müssten mit Versorgungslücken von 30 Prozent bzw. 20 Prozent rechnen.

Allerdings können nach Ansicht der Kommission die Mitgliedstaaten dem entgegenwirken, indem sie eng miteinander kooperieren. Das, so die Kommission, gilt vor allem für die jeweiligen Notfallstrategien. Mit anderen Worten, im Ernstfall soll geteilt werden. Also: Auch wenn Deutschland auf den ersten Blick nicht so stark betroffen scheint, kann sich das je nach Art und Umfang des Lieferstopps aus Russland sowie der Kälte des Winters schnell ändern.

Die Kommission betont, dass viele Probleme durch den Markt gelöst werden können. Unter Kooperation ist somit auch zu verstehen, dass die Mitgliedstaaten keine nationalen Interventionen planen, sondern marktbasiert handeln und z.B. die Preissignale im europäischen Gasmarkt nutzen: höhere Preise machen neue Lieferungen attraktiver und geben gleichzeitig Anreiz, den Verbrauch zu reduzieren. Nur wo der Markt versagt, soll abgeschaltet werden.

Auch wenn die Kommission uns beruhigen will mit dem Mantra „gemeinsam sind wir stark und es wird nicht ganz so schlimm“ – alles in allem sieht die Lage nicht so rosig aus. Die EU ist im Energiebereich stark importabhängig – 90 Prozent des Öls und 66 Prozent des Gases kommen von außerhalb und werden oftmals durch krisenanfällige Länder transportiert. Entsprechend ist man zwar seit Jahren bemüht, die Versorgungssicherheit innerhalb der EU zu verbessern. Gerade wenn es darum geht, Erneuerbare Energien zielorientiert einzusetzen, die Energieeffizienz zu verbessern, Biomasse in der Fernwärme und Kraft-Wärme-Kopplung zu stärken sowie die Fernwärmenetze auszubauen, bleibt in einigen Mitgliedstaaten und gerade in Mittel- und Osteuropa aber noch viel zu tun.

Nicht beruhigend ist auch eine Äußerung des Vertreters von Gazprom auf der 8. ICIS European Gaskonferenz in Amsterdam am 22.10.2014, der Herrn Wolfgang Peters, Vorstandsvorsitzender von RWE Supply & Trading CZ, fragte, ob diesem klar sei, wem denn die Untergrund-Gasspeicher zum Teil in der EU gehörten?

Die deutschen Verteilnetzbetreiber rechnen durchaus damit, dass es eng werden könnte im Winter. Wer für alle Fälle gewappnet sein möchte, kann sich auch hier informieren.

Ansprechpartner: Dr. Olaf Däuper/Dr. Dörte Fouquet/Prof. Christian Held

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