Im Maschinenraum der Klimawende mit Dr. Peter Feldhaus von Onyx Power

Wie Deutschland im Jahr 2045 aussehen soll, wissen wir: eine klimaneutrale Wirtschaft, eine Energieversorgung über Erneuerbare Energien und grünen Wasserstoff sowie energieeffiziente Produktionsprozesse und Gebäudebestände. Zu diesem Ziel hat sich Deutschland (und ganz Europa bis zum Jahr 2050) bekannt. Diese gewaltige Transformation unserer Wirtschaft muss aber „im laufenden Betrieb“ – dazu unter Berücksichtigung des Ukraine-Krieges – gelingen.

Gesucht werden deshalb die Zwischenschritte und Übergangslösungen für das Erreichen der Klimawende. Und während es Aufgabe der Politik ist, die geeigneten Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, sind es die Unternehmen, die diese Lösungen entwickeln und umsetzen müssen. Eines der vielen Unternehmen, die beim Umbau unserer Energieversorgung mit anpacken, ist Onyx Power. Wir haben im Vorfeld unseres Parlamentarischen Abends am 16.5.2022 mit deren CEO Dr. Peter Feldhaus darüber gesprochen, wo die Herausforderungen für Unternehmen liegen.

BBH-Blog: Sehr geehrter Herr Dr. Feldhaus, Onyx Power hat ganz bewusst die Kohlekraftwerke von Engie gekauft, als der Kohleausstieg schon klar war. Erlauben Sie daher die provokante Eingangsfrage: „Was haben Sie sich dabei bloß gedacht?“

Feldhaus: Wir haben die Kraftwerke nicht gekauft, weil sie Kohlekraftwerke sind, sondern weil es sich um Standorte mit Zukunftsperspektive handelt. Aus unserer Sicht gibt es jenseits der Kohle umfassendes Potenzial für die Transformation der Standorte in moderne Energieparks, in denen klimaneutral Energie erzeugt werden kann. Darüber hinaus bieten sie ein breites Spektrum weiterer Aktivitäten, wie z.B. den Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft. Der Ausstieg aus der Kohle ist für uns nur ein Zwischenschritt.

BBH-Blog: Mit dem Osterpaket (wir berichteten) bringt die Bundesregierung ja ein beachtliches Gesetzesbündel auf den Weg, um einerseits den Weg in die Klimaneutralität ein Stück weit zu ebnen und andererseits, um auf die Auswirkungen des Ukraine-Krieges zu reagieren. Hilft Ihnen das Paket bei Ihren Plänen?

Feldhaus: Das Osterpaket ist ein erster und wichtiger Schritt. Dass wir schnell deutlich mehr Erneuerbare Energien brauchen, war schon bei der Ankündigung des Pakets unbestritten und ist aktuell wichtiger denn je. Einiges ist also schon auf den Weg gebracht worden. Dabei kann und darf es aber nicht bleiben. Wir brauchen kurzfristig Planungssicherheit bei der Ausgestaltung des Kohleausstiegs und ebenso dringend brauchen wir eine grundlegende Weichenstellung, wie künftig klimaneutral gesicherte Leistung im System vorgehalten werden kann. Im öffentlichen Diskurs wird oft der Eindruck vermittelt, dass eine vollständige Versorgung mit Wind und Sonne möglich sei. Dies ändert aber nichts an dem physikalischen Erfordernis, dass zeitweise Dunkelflauten durch den Einsatz von regelbarer Erzeugung ausgeglichen werden müssen. Die Zeit drängt und die Fragen sind komplex. Umso wichtiger ist, dass wir nicht alles in die Zukunft schieben, sondern schon heute alle technisch machbaren Möglichkeiten nutzen, um gesicherte Leistung klimaneutral aufzustellen.

BBH-Blog: Als eine Lösung, die heute technisch bereits machbar ist, wird die Biomasse diskutiert. Was hindert Sie denn daran, einfach alle Standorte im großen Stil auf Biomasse umzurüsten und damit einen Beitrag zur Systemstabilität während der Dunkelflauten zu leisten?

Feldhaus: Um es klar zu sagen: Nachhaltige Biomasse als Beitrag zur gesicherten Leistung ist eine Lösung, aber nicht die Lösung für alles. Bei der Weiterentwicklung unserer Anlagen spielen individuelle Standortvoraussetzungen eine große Rolle. Grundsätzlich wollen wir diese Technologie nur dort einsetzen, wo sie den höchsten Nutzen hat. Für den Einsatz nachhaltiger Biomasse dürften insbesondere Anlagen mit hohem Wirkungsgrad und guter Anbindung an Häfen oder Wasserwege in Betracht kommen. In Deutschland trifft dies auf eine insgesamt überschaubare Anzahl bestehender Kraftwerke zu. Wenn, wie bei uns in Wilhelmshaven, im Umfeld noch die Möglichkeit zur Bereitstellung klimaneutraler Wärme, zur Produktion von klimafreundlichem Wasserstoff und zur Nutzung des entstehenden CO2 für die Herstellung von klimaneutralen Stoffen wie Methanol oder Kraftstoffen besteht, sind dies nahezu perfekte Voraussetzungen. So wird aus dem Beitrag zur gesicherten Leistung ein systemischer Beitrag zur Klimaneutralität anderer Sektoren.

BBH-Blog: Auch auf europäischer Ebene wird ja im Rahmen der Novellierung der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie (RED III) diskutiert, welchen Stellenwert die Biomasse bei der Energieerzeugung in Zukunft haben soll. Wie schätzen Sie die Diskussion ein?

Feldhaus: Ich bin überzeugt, dass die Diskussion über die Novelle der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie insgesamt getragen ist vom guten Willen, den Klimaschutz und Nachhaltigkeit bestmöglich zusammen zu bringen. Bei der Diskussion brauchen wir vor allem aber auch eine nüchterne Betrachtung möglicher Folgen. Unnötige Restriktionen, z.B. bei der Nutzung von Abfällen aus der Forstwirtschaft, würden lediglich das Biomassepotenzial beschränken, hätten aber keinen Effekt auf die Nachhaltigkeit. Mit Verwendungsbeschränkungen für Biomasse nach 2026 würde das Erreichen der EU-Klimaschutzziele ausschließlich von heute noch nicht verfügbarer Technologie abhängen. Und wir wissen heute mehr denn je, dass wir schnell große Mengen an Wasserstoff brauchen werden – nicht nur für den Klimaschutz. Deswegen muss die Rahmensetzung hier sicherstellen, dass ein schneller Hochlauf möglich und die Verwendung von klimafreundlichem Wasserstoff für die Verbraucher attraktiv wird.

BBH-Blog: Was würde Ihnen denn ganz konkret helfen, damit Sie Ihre Standorte einem nachhaltigen Post-Kohle-Zeitalter zuführen könnten? Sie hatten erwähnt, dass Wilhelmshaven sehr günstig liegt.

Feldhaus: Zunächst einmal machen wir unsere Hausaufgaben. Das heißt, wir schauen uns die Standorte genau an und planen den Weg in die Klimaneutralität. Dafür haben wir aus eigener Kraft bereits einiges auf den Weg gebracht, z.B. die Projektierung eines H2-ready Wärmekraftwerks an unserem bayerischen Standort Zolling. In Wilhelmshaven geht es unterdessen um mehr als Biomasse. Wie eine aktuelle Studie der Deutschen Energie-Agentur (dena) zeigt, verfügt die Region Wilhelmshaven über sehr gute infrastrukturelle Voraussetzungen, um sich zu einem Dreh- und Angelpunkt für die heimische Produktion und den Import von Wasserstoff zu entwickeln. Ein auf nachhaltige Biomasse umgerüstetes und systemisch klimaneutrales Kraftwerk passt perfekt in die Gesamtarchitektur der Projekte. Die Machbarkeit ist geklärt, was uns bis auf Weiteres fehlt ist Planungssicherheit. Gebraucht wird mehr „enabling“ und weniger „cherry picking“. Das betrifft etwa die Ausgestaltung der RED III auf EU-Ebene und ihre technologieoffene Umsetzung, die nationale Biomassestrategie oder auch den Rahmen für eine sofort machbare CO2-Reduktion mit der Brennstoffumstellung in bestehenden Anlagen, der seinerzeit im Zuge des Kohleverstromungsbeendigungsgesetzes (KVBG) ja schon vom Bundestag eingefordert wurde.

 BBH-Blog: Sehr geehrter Herr Dr. Feldhaus, herzlichen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns, die Themen bei unserem Parlamentarischen Abend am 16.5.2022 zu vertiefen.

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