Energiewende im Reality Check?

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Im Englischen gibt es den Ausdruck „Reality Check“, den man schlecht übersetzen kann: Ein Abgleich wird hergestellt zwischen einer Vorstellung und der echten Welt; man kann prüfen, ob man wach ist oder träumt.

Die Erhöhung der EEG-Umlage und die gleichzeitige Ankündigung, dass auch die Netzentgelte steigen werden, sind so ein Reality Check. Wohl jeder hat mittlerweile realisiert: Der Umbau einer komplexen Energieversorgung von konventioneller auf Erneuerbare Energie ist nicht umsonst zu bekommen. Es ist auch kein absoluter politischer Selbstgänger. Man muss dafür kämpfen, gerade wenn Gegenwind kommt.

Der Reality Check sollte aber auch angewandt werden auf die apokalyptischen Vorstellungen, die teilweise durch die Gegend geistern. … „Unglaubliche Kosten nicht nur für die erzeugten Energien, sondern auch für den Ausbau der Stromnetze drohen, die Stromverbraucher reihenweise arm machen …“ Hier ist ein Zwischenstop angezeigt. Dass für eine Familie, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen ist, jede Mehrausgabe bitterlich spürbar ist, muss nicht diskutiert werden. Dennoch sollte man hier genauer hinsehen, anstatt mit der Furcht der Menschen zu spielen.

Nehmen wir die Kosten für den Netzausbau. Verschiedene Studien bemühen sich, die Mehrkosten zu quantifizieren (NEP 2012; E-Bridge/BET/IAEW 2011; DNV KEMA 2012). Hier finden sich erschreckend große Zahlen: 23 Milliarden Euro für den Ausbau der Übertragungsnetze, 25 Milliarden Euro für die Verteilnetze und dann noch 7 Milliarden Euro für den Ausbau von Smart Grids und Informationstechnologie. Das ergibt zusammen die Summe von 55 Milliarden Euro. Ein wirklich großer Betrag, der hier zu stemmen ist. Betrachtet man diese Summe aber über die Jahrzehnte währenden Nutzungsdauern kommt man auf einen „kostenwirksamen“ Betrag von „nur noch“ 5 Milliarden Euro pro Jahr. Dieser wiederum würde einen Anstieg der Netzentgelte von heute bis zum Jahr 2030 um ca. 0,9 ct/kWh bedeuten. Dafür allerdings wäre (Plan heute) bis dann der Netzausbau abgeschlossen und sowohl die „Stromautobahnen“ als auch die Verteilnetze könnten den Transport der Erneuerbaren Energie und gleichzeitig die Sicherheit der Versorgung gewährleisten. Dafür erscheint der Preis nicht hoch – zumal die Bedeutung der Transportkosten für den „All-inclusive“-Strompreis immer weiter zurückgehen wird.

Soweit zum Netz.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Ines Zenke/Dr. Christian Dessau

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