Energiewirtschaft international: Ein Gespräch mit Christian Held, Vorsitzender der AEEC, und dem Gasexperten Dr. Olaf Däuper

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Das kennt man ja von einem selbst: Menschen neigen dazu, ihr unmittelbares Lebensumfeld als das Zentrum der Welt zu betrachten. Das Drumherum wird nur stark gedämpft wahrgenommen oder ganz abgeblockt; zu wichtig und einzigartig sind die eigenen tagtäglichen Erfahrungen; zu eingenommen wird man von der Unmittelbarkeit des eigenen Erlebens. In einem abstrakteren Grad trifft das heute auch auf die Energiewirtschaft zu. Energiewende, Atomausstieg, Digitalisierung, Erneuerbare Energien, Anreizregulierung – die deutsche Energiewirtschaft ist konstant auf 180. Und die Folge: Deutschland zelebriert die Nabelschau. Die Europäische Union (EU) spielt dabei natürlich noch eine unmittelbare Rolle, wird Energie doch mehr und mehr zu einer europäischen Sache; spätestens hier ist der Tellerrand aber erreicht. Schade eigentlich. Denn es lohnt sich, auch einen Blick auf den Teller des etwas weiter entfernten Nachbarn zu werfen. Das möchten wir in diesem Beitrag tun und freuen uns deshalb, dass Christian Held und Dr. Olaf Däuper uns hierbei begleiten. Christian Held ist nicht nur Rechtsanwalt und Partner bei Becker Büttner Held (BBH), er ist – unter anderem – auch Chairman der Associated European Energy Consultants (AEEC), einem internationalen Netzwerk aus Energierechtskanzleien und -anwälten. Dr. Olaf Däuper ist als renommierter Gasexperte ebenfalls Rechtsanwalt und Partner bei BBH. Die Beiden nahmen an der 3. Transatlantic Energy Conference in Washington D.C. und der 2. US-EU Cooperatives Exchange in Fredericksburg (Virginia) teil. Wir freuen uns, dass sie ihre dort gewonnen Erkenntnisse mit uns teilen möchten.

Energieblog: Lieber Herr Held, lieber Herr Dr. Däuper, Sie kommen gerade aus den USA. Wie haben Sie die diesjährigen AEEC-Konferenzen erlebt?

Held: Beide Veranstaltungen waren sehr erkenntnisreich und haben wieder einmal gezeigt, wie wichtig es ist, sich untereinander auszutauschen – auch und gerade auf internationaler Ebene. Die Konferenz in Washington D.C. hat sich mit der Situation in den USA im Hinblick auf Gasförderung und dem gerade in den Startlöchern befindlichen Gasexportmöglichkeiten nach Europa beschäftigt. Die Veranstaltung in Fredericksburg hingegen bot Energiegenossenschaften diesseits und jenseits des Atlantiks eine Plattform zum Austausch. Die europäischen Vertreter waren von der Bedeutung genossenschaftlicher Energieversorger in den USA – immerhin werden 75 Prozent des US-amerikanischen Territoriums von Energiegenossenschaften versorgt – tief beeindruckt. Die US-Amerikaner wiederum bewunderten das technische Know-how, das aus Europa kommt, und die daraus resultierende hohe Versorgungssicherheit. Auf beiden Veranstaltungen äußerten amerikanische und europäische Versorger den großen Wunsch nach einer intensiveren transatlantischen Zusammenarbeit. Daher bereiten wir im Moment die Gründung einer Transatlantic Energy Cooperative Alliance vor, die in Zukunft als Bindeglied zwischen Energiegenossenschaften aus den USA und Europa dienen soll. Unser Ziel ist es, den Austausch zu festigen.

Energieblog: Die deutsche Energiewirtschaft – das wird immer wieder betont – befindet sich in einem strukturellen Wandel. Die Politik geht dabei davon aus, dass alle Augen auf Deutschland gerichtet sind, unsere Energiewende also als Blaupause für andere Staaten funktioniert. Wie ist diese Haltung aus einer internationalen Perspektive zu beurteilen?

Däuper: Man muss sagen, dass das Konzept der deutschen Energiewende in den amerikanischen Überlegungen zur Zeit kaum eine entscheidende Rolle spielt; schon allein deshalb, weil die Kenntnisse hierüber nur rudimentär ausgeprägt sind. Allerdings gibt es in den meisten einzelnen Bundesstaaten durchaus auch Trends, die Erneuerbaren Energien stärker zur Stromerzeugung einzusetzen. Und das Thema CO2-Reduktion ist definitiv auch in den USA angekommen. Allerdings sind die Lösungsansätze für die Problemstellungen andere, schon weil die Strukturen sich doch erheblich unterscheiden. Es wird aber in jedem Fall mit Interesse nach Europa, gerade auch nach Deutschland geblickt.

Held: Es findet also durchaus ein gewisser wechselseitiger Lernprozess statt, den wir als AEEC weiter fördern möchten. Kent Farmer, Präsident der Genossenschaft Rappahannock Electric Cooperative, hat zum Beispiel erläutert, dass er auf unserer letztjährigen Konferenz in Brüssel mitgenommen hat, seine Anforderungen an die IT-Sicherheit zu erhöhen. Nun hat er ein entsprechendes Projekt durchgeführt.

Energieblog: Lassen Sie uns die US-amerikanische Energiewirtschaft ein wenig näher betrachten. Sind die dortigen Gegenebenheiten überhaupt mit unserer deutschen Energielandschaft vergleichbar?

Däuper: In den Vereinigten Staaten ist der Rechtsrahmen für die Energiewirtschaft ganz wesentlich Recht der einzelnen Bundesstaaten. Eine vergleichbare Tendenz zur Rechtsvereinheitlichung wie in der EU gibt es hier insoweit nicht. Dementsprechend haben die Staaten auch ganz unterschiedliche Energiepolitiken. Nur 11 von 52 US-Staaten haben liberalisierte Märkte. Einige Staaten haben nach eher negativen Erfahrungen mit der Liberalisierung „ihr Experiment beendet“, zum Beispiel auch der Staat Virginia, in dem Fredericksburg liegt.

Held: Eine sehr bedeutsame Rolle – wie schon angedeutet – spielen Energiegenossenschaften in den USA. Hintergrund ist, dass unter Präsident Roosevelt in den 1930er Jahren die ländlichen Gebiete durch die gezielte Förderung des Genossenschaftswesens in den USA elektrifiziert worden. In Europa ist es weitgehend unbekannt, dass 75 Prozent der Fläche der USA von Verteilernetzen abgedeckt sind, die Genossenschaften gehören. Diese Genossenschaften haben wiederum Genossenschaften gebildet, die die Erzeugung in Großkraftwerken und den Transport auf der Übertragunsgnetzebene für sie vornehmen. Last but not least gibt es ein sehr intelligentes Finanzierungssystem mit einer Art exklusiven genossenschaftlichen Bank für die Energiegenossenschaften. Das System funktioniert ausgezeichnet. Bei den Energiegenossenschaften ist es so, dass jeder Kunde zugleich Mitglied der Genossenschaft ist. Die Genossenschaft Rappahannock Electric Cooperative beispielsweise hat 160.000 Mitglieder und 160.000 Stromkunden, sowohl Haushaltskunden, Farmen, aber auch Gewerbe bis hin zur energieintensiven Industrie. Wie in Deutschland hat jeder Genosse eine Stimme. Die Genossenschaften sind also demokratisch verfasst und die Genossen entscheiden über Preise, Erzeugungsmix etc.

Energieblog: Hat die US-Energiewirtschaft Deutschland also vielleicht sogar etwas voraus?

Däuper: Es ist zumindest klar, dass es zum Beispiel in Virginia auch ohne Liberalisierung ein effizientes System mit sehr niedrigen Strompreisen gibt. Die Kilowattstunde für Haushaltskunden kostet bei der Rappahannock Electric Cooperative ungefähr 11 Dollarcent plus die Energiesteuern, die etwa 0,7 Dollarcents betragen. Bei diesem Strompreis sind übrigens etwa 7 Dollarcent Erzeugungskosten eingerechnet, also ein gesundes Preisniveau, um die Erzeugungsanlagen auch vernünftig finanzieren zu können.

Held: Dabei kann das Genossenschaftswesen marktstrukturell auch für Europa sinnvoll sein. Genossenschaftliche Ansätze gibt es auch zahlreiche in Deutschland, jedoch praktisch nicht im Netzbereich und nicht in einer starken Struktur, zum Beispiel im Hinblick auf die Finanzierung. In diesem Bereich können wir von den USA lernen. Übrigens hat Präsident Kennedy und seine Administration Anfang der 1960er Jahre die Energiegenossenschaften auch zum Entwicklungshilfemodell gemacht – in Afrika, Asien und Lateinamerika existieren ebenfalls zahlreiche Energiegenossenschaften nach amerikanischen Vorbild.

Energieblog: In Deutschland sind Versorgungssicherheit, Stabilität der Netze und Flexibilität in Form von Demand-Response wichtige Themen. Gibt es eine vergleichbar gewichtige Debatte in den USA?

Held: Im Hinblick auf die Versorgungssicherheit sind die Verteilernetze in den USA deutlich schlechter als in Deutschland. Die durchschnittliche Stromausfallzeit für einen Kunden der Genossenschaft Rappahannock Electric Cooperative betrug 101 Minute im vergangenen Jahr, also etwa viermal so lang wie die durchschnittliche Stromausfallzeit in Deutschland, allerdings in einer sehr ländlich strukturierten Gegend. Hintergrund ist, dass in den USA nach wie vor viele Freileitungen betrieben werden. Die Entscheidung für Freileitungen ist dabei eine bewusste Entscheidung, vor dem Hintergrund der viel geringeren Kosten (Stichwort: Preise) der Versorgungsgebietsstruktur sowie der einfacheren Wartung etc.

Die Technik-Experten aus Europa, wie Dr. Götz Brühl aus Rosenheim, Reinhard Brehmer aus Wien und Dr. Rudi Rienzner aus Südtirol, haben die Verteilernetzqualität im Hinblick auf Steuerung etc. als wesentlich einfacher aufgebaut beurteilt. Letzten Endes ist die Ausprägung eine Philosophiefrage – mehr Preiswürdigkeit oder mehr Versorgungssicherheit.

Energieblog: Fracking ist in den USA ja schon längere Zeit Realität, während Deutschland und Europa nach wie vor mit dieser Technologie der Gasförderung hadern. Wie groß ist die wirtschaftliche Bedeutung von Fracking-Gas in den USA?

Däuper: Es ist eine Tatsache, dass die USA durch die neuen Fördertechniken zum größten Gasproduzenten der Welt geworden sind. Teilweise wird in Europa vermutet, dass dies ein kurzfristiger Trend ist. Diese Einschätzung wurde überzeugend widerlegt. Die USA werden über einen langen Zeitraum eine führende Gasfördernation bleiben. Dabei gibt es auf dem amerikanischen Fördermarkt zahlreiche Förderunternehmen, die flexibel auf Preisveränderungen reagieren (über zweihundert Produzenten!). Selbst bei den derzeitigen sehr geringen Öl- und Gaspreisen sind die Fördermengen hoch. Sollten die Preise steigen, können sie sogar noch weiter gesteigert werden. In der Konsequenz heißt dies, dass den USA im großen Umfang preiswertes Erdgas zur Verfügung steht, was auch bereits dazu geführt hat, dass zahlreiche Kohlekraftwerke stillgelegt worden sind und gasbetriebene Kraftwerke in der Stromerzeugung eine zunehmend sehr große Rolle spielen. Dadurch hat die USA auch signifikant ihre CO2-Bilanz verbessert.

Energieblog: Wird die USA also zu einem potentiellen Exporteur für Liquified Natural Gas (LNG) nach Europa?

Held: Bedingt durch die niedrigen Gas- und Ölpreise erlebt die USA derzeit eine beispiellose Welle der Reindustrialisierung, unter anderem auch mit zahlreichen Produktionsverlagerungen von Europa in die USA, zum Beispiel in der Chemieindustrie, die Gas auch als Rohstoff nutzt. Die Gasfördermengen sind so groß, dass die USA auch zukünftig Gas in erheblichem Umfang exportieren werden. Damit drehen sich die Verhältnisse um, denn früher waren die USA ein Gasimportland. Die LNG-Terminals zur Verflüssigung des Gases waren dementsprechend nicht vorhanden, denn ein LNG-Terminal zur Regasifizierung ist technisch komplett etwas anderes als ein LNG-Terminal, bei dem Erdgas verflüssigt wird. Erste Anlagen sind nun aber im Betrieb und derzeit sind große Anlagen im Bau. Der Gasexport hat begonnen und seine Dimension wird in den nächsten Jahren erheblich wachsen.

Däuper: Für Europa bedeutet dies Folgendes: Die niedrigen Gaspreise in den USA können natürlich nicht 1:1 auf Europa übertragen werden, denn es sind noch die Kosten der Verflüssigung, des Transports und der Regasifizierung einzukalkulieren. Trotzdem stehen damit neue Lieferanten mit zur Verfügung. Es entsteht eine neue Wettbewerbssituation, die Diversifizierungsmöglichkeiten in Europa – ein erklärtes Ziel der Juncker-Kommission – steigen merklich. Im Übrigen sind ebenfalls in Westeuropa ausreichend LNG-Kapazitäten zur Regasifizierung frei. Die etablierten Lieferanten von vor allem Pipeline-Gas, also Russland und Norwegen, reagieren, indem sie erhebliche Preiszugeständnisse machen (müssen), um US-amerikanische Lieferanten vom europäischen Markt fernzuhalten.

Energieblog: Kehren wir zum Schluss wieder zurück nach Deutschland: Wie wichtig ist der Ausbau von LNG-Terminals für die Versorgungssicherheit mit Erdgas?

Held: Auch die zusätzlichen Pipeline-Projekte sind in diesem Zusammenhang zu sehen, das heißt das potentielle LNG-Gas aus den USA wirkt sich bereits heute positiv auf den europäischen Markt aus, auch wenn es physisch noch gar nicht geliefert wird, einfach weil es zu entsprechenden Preisanpassungen bei den führenden Pipeline-Lieferanten führt. Ein eigener LNG-Terminal in Deutschland ist hierfür nicht einmal zwingend. Zusätzliche LNG-Kapazität unter dem Gesichtspunkt der Versorgungssicherheit wird vor allem in Osteuropa als ein Thema angesehen, um die Abhängigkeit vom russischen Gas zu vermindern. Hier gibt es Überlegungen zu einem osteuropäischen Nord-Süd-Verbund mit LNG-Terminals im baltischen Raum und in Südosteuropa. Projekte, die auch von der EU positiv gesehen werden, die aber für den westeuropäischen Markt nicht von zentraler Bedeutung sind.

Energieblog: Sehr geehrter Herr Held, sehr geehrter Herr Dr. Däuper, vielen Dank, das Sie sich die Zeit für das Gespräch genommen haben!

 

 

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