Lage der deutschen Kliniken: Die Pandemie beschleunigt den negativen Trend

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Die wirtschaftliche Lage vieler deutscher Krankenhäuser war bereits vor Beginn der COVID-19-Pandemie kritisch. Für das Jahr 2021 wird laut einer Umfrage in den Sommermonaten 2021 eine weitere Verschlechterung der Jahresergebnisse erwartet. Rund 47 Prozent der Krankenhäuser gaben an, dass sie mit einem Jahresfehlbetrag rechnen – auch verschärft durch die COVID-19-Pandemie. Eine frühzeitige Risikoanalyse kann Kliniken den Übergang in die Insolvenzphase ersparen und strategische Handlungsfelder aufzeigen.

Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf deutsche Krankenhäuser

Schon im Geschäftsjahr 2019 verzeichneten 44 Prozent der befragten Häuser einen Jahresfehlbetrag (Vorjahr: 40 Prozent). Besonders beunruhigend ist die Situation von Krankenhäusern mit über 600 Betten: Dort realisierten für das Jahr 2019 nur 37,5 Prozent der befragten Häuser einen Jahresüberschuss. Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) vom 11.12.2018 drückt zusätzlich auf die Margen.

Nun belasten auch noch die Auswirkungen der anhaltenden COVID-19-Pandemie die Krankenhäuser. Während die Sorge groß ist, die Intensivstationen zu überlasten, ist die Anzahl an medizinisch nicht zwingend notwendigen Eingriffen während des ersten Lockdowns (Anfang März 2020) um rund 40 Prozent gefallen. Das lag vor allem daran, dass die Kliniken Bettenkapazitäten für mögliche Corona-Patienten freihalten sollten, aber es kamen auch Infektionen bei dem ohnehin schon knappen Klinikpersonal hinzu. Für das Geschäftsjahr 2020 rechnen die Klinikdirektoren und Chefärzte mit einem Rückgang der nicht notfallbedingten Eingriffe von insgesamt rund 17 Prozent.

Um die Krankenhäuser zu entlasten, trat am 28.3.2020 das COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz in Kraft. Hiermit wurden beispielsweise das Pflegeentgelt erhöht, Einnahmeausfälle teilweise kompensiert und finanzielle Anreize für zusätzliche Intensivbetten geschaffen. Die weggebrochenen Einnahmen werden dadurch allerdings ebenso wenig kompensiert wie die weiterlaufenden Kosten der Kliniken. Auch die verlängerte Insolvenzaussetzung bis Ende April 2021 löst die ursprünglichen Probleme nicht. Vielmehr sollte diese Gesetzeseinführung als Instrument der Rechtssicherheit beziehungsweise als Zeitpuffer für Krankenhäuser gewertet werden.

Ausblick in die Zukunft

Berichten zufolge liegt die Auslastung der Kliniken aktuell etwa 25 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Ausgleichszahlungen des Bundes sind deutlich reduziert. Die Krankenhäuser haben keine Planungssicherheit für die nächsten Zeiträume im Jahr 2021, zumal auch die Budgetverhandlungen teilweise deutlich später terminiert sind als in den vergangenen Jahren. Klinikleiter und Branchenexperten erwarten erst im Geschäftsjahr 2022 eine Rückkehr der Behandlungszahlen auf ein „Vor-Pandemie-Niveau“. Allerdings ist dies aufgrund vieler Regularien wie etwa der Durchsetzung der Pflegepersonaluntergrenzen oder Mengenbegrenzungen, neuer MDK-Prüfquoten u.v.m. nicht zwangsläufig mit wirtschaftlichem Erfolg verbunden.

Zudem haben die Bundesländer seit einigen Jahren ihre Investitionsfinanzierung für Krankenhäuser gemindert, was zu einem Investitionsstau bei den deutschen Kliniken geführt hat. Laut Studien waren allein im Jahr 2018 lediglich 47 Prozent aller deutschen Krankenhäuser „voll investitionsfähig“. Einem aktuellen Bericht zufolge decken nur ca. 50 Prozent der Fördermittel die erforderlichen Investitionen. Dies ist auch nicht mit dem neuen Krankenhauszukunftsfonds zu lösen.

Neben dem anhaltenden Kostendruck durch die Leistungsabrechnung mit DRG (Diagnosis related groups), zunehmenden Personalengpässen, steigendem Rückzug der Länder aus der Krankenhausfinanzierung im Bereich der dualen Finanzierung sowie den ständigen Gesetzesänderungen trägt auch die weiterhin anhaltende COVID-19-Pandemie zu starken Belastungen im Gesundheitssystem bei.

Vor diesem Hintergrund erwartet eine Studie aus dem Jahr 2020, dass rund 38 Prozent der deutschen Kliniken bis zum Jahr 2025 einem erhöhten Insolvenzrisiko ausgesetzt sind.

Frühzeitige Risikoanalyse

Der Übergang in die Insolvenzphase lässt sich durch verschiedene zielgerichtete Maßnahmen verhindern. Eine Sanierung (wir berichteten) kann nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb einer Insolvenz erfolgreich umgesetzt werden. Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist hierbei die frühzeitige Risikoeinschätzung. Ob sich ein Krankenhaus derzeit in einer (insolvenz-)gefährdenden Situation befindet, ist für den Krankenhausträger selbst nicht immer ohne Weiteres feststellbar und bedarf der Einschätzung von Branchen- und Finanzexperten.

Für eine fachgerechte Einschätzung zur Krisenerkennung und Einordung der Risiken bietet sich ein branchenspezifischer Risiko-Check-up an. Dabei handelt es sich um einen phasenübergreifenden Evaluierungsansatz, der finanzielle und leistungsspezifische Indikatoren zur Risikofrüherkennung beinhaltet und sie nach deren Wechselwirkungen sowie deren Priorisierung auswertet. Neben der Rentabilität sind auch die Liquidität, Verschuldung sowie das (gesetzliche) Umfeld wichtige Untersuchungsfelder. Daraus können bedarfsgerechte Handlungsstrategien abgeleitet werden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Je früher eine Risikoanalyse erfolgt, desto größer ist der Handlungsspielraum für die Kliniken.

Ansprechpartner*innen: Thomas Straßer/David Klee/Carina Bönisch

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