Szenariorahmen: Dreifach zu kurz gesprungen

Dass es Netzengpässe gibt und die Netze angesichts einer steigenden Zahl von Erzeugern Erneuerbarer Energien ausgebaut werden müssen, das pfeifen die Spatzen längst von den Dächern. Jetzt haben die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) einen Szenariorahmen entworfen, um dem Netzausbau eine Grundlage zu liefern, und zwar auf Basis folgender Fragen: Wie werden sich erneuerbare und konventionelle Energien entwickeln? Wohin tendiert der Energieverbrauch? Und was folgt daraus für die Netzlast in den nächsten 10 Jahren?

Die Fragen sind berechtigt – doch als Basis für Szenarien für den Netzausbau greifen sie zu kurz, und zwar in dreierlei Hinsicht: Erstens ignorieren sie die Entwicklung von „intelligenten Netzen“ und ihre Auswirkung auf den Transportbedarf in den Übertragungsnetzen. Zweitens blenden sie die Einsparungen durch spartenübergreifende Optimierungs- und Speicherpotenziale aus. Und drittens fehlt ihnen ein Bezug zu den erwartbaren Möglichkeiten, durch mehr Energieeffizienz Strom zu sparen.

Smart Grids

Der Reihe nach: Der Entwurf des Szenariorahmens enthält die pauschale Aussage, dass die Dezentralisierung der Energieerzeugung „nach bisherigen Erkenntnissen“ keinen wesentlichen Einfluss auf den Transportbedarf in den Höchstspannungsnetzen haben wird. Doch stimmt das wirklich?

Windräder und Solarparks sind im Regelfall dezentrale Anlagen. Das trifft in erster Linie die Verteilernetze. Die Folge ist aber, dass sich voraussichtlich flächendeckend intelligente Last- und Einspeisesteuerungen etablieren werden – so genannte „Smart Grids“. Und das wird auch die Übertragungsnetze nicht unberührt lassen. Dazu kommt, dass bei sehr starker dezentraler Einspeisung eine so genannte Lastumkehr auftreten kann und Strom aus niedrigen Spannungsebenen in das Übertragungsnetz zurückgespeist werden muss. Was ebenfalls bei der Planung des Ausbaubedarfs bei den Übertragungsnetzen berücksichtigt werden müsste.

Einsparpotenziale

Interoperable Strom-, Gas- und Wärmenetze bieten erhebliche Möglichkeiten, Energie zu speichern und ihre Verteilung zu optimieren – bereits jetzt schon. Wenn sich „Smart Grids“ etablieren, werden diese Potenziale noch erheblich wachsen. Eine solche spartenübergreifende Netzoptimierung kann vor allem bei regionalen Engpässen den Ausbaubedarf bei den Übertragungsnetzen verringern. Daher sollte sie in die Szenarioplanung unbedingt miteinbezogen werden.

Ohnehin wird sich in punkto Energieeffizienz einiges tun. Die EU will bekanntlich bis 2020 die Energieeffizienz um 20 Prozent erhöhen. Zwar sind die Details sicher schwer zu progonstizieren. Aber so viel kann man sagen: Die Maßnahmen, die Energieeffizienz zu steigern, werden sich auf den Stromverbrauch auswirken, vermutlich ihn senken. Dass die Szenarien der Übertragungsnetzbetreiber dagegen sogar von einem steigenden Stromverbrauch ausgehen, ist unverständlich. Zumindest hätten sie die Auswirkungen der Effizienzmaßnahmen untersuchen müssen – wozu sonst überhaupt Szenarien bilden?

Gesetzliche Pflicht

Diese Optimierungspotenziale zu berücksichtigen, ist nicht nur angezeigt – sondern sogar gesetzliche Pflicht der Übertragungsnetzbetreiber.

Das von der Bundesregierung vorgelegte Energiekonzept, das den Basisdaten des Szenariorahmens zugrunde liegt, macht Energieeffizienzmaßnahmen zum zentralen Handlungsfeld der künftigen Energiepolitik der Bundesregierung. Auch die intelligenten Netze werden dort als Maßnahme ausdrücklich beschrieben und gesetzliche Vorgaben zu ihrer Etablierung angekündigt. Die spartenübergreifenden Speichertechnologien sind ebenfalls erwähnt.

Nach der gesetzlichen Vorgabe aus § 12a EnWG sind die mittel- und langfristigen energiepolitischen Ziele der Bundesregierung im Szenariorahmen abzubilden. Verteilernetzoptimierung, Energieeffizienzpotenziale und spartenübergreifende Speicherung müssen somit zwingend als eigene Einflussfaktoren in den Szenariorahmen aufgenommen werden.

Ein viertes Szenario

In § 12a Abs. 1 EnWG ist von mindestens drei Szenarien die Rede. Der Gesetzgeber intendiert damit, dass der Szenariorahmen bei Bedarf um weitere Szenarien erweitert werden soll. Angesichts der zu ergänzenden Einflussfaktoren Verteilernetzoptimierung, spartenübergreifende Optimierungs- und Speicherpotenziale und Einsparpotenziale zur Energieeffizienz ist die Erweiterung um ein viertes Szenario notwendig. Dieses könnte den Fokus gerade auf die Entwicklung der Verteilernetze legen und den Ausbaustand intelligenter Netze simulieren.

Damit könnten wertvolle Erkenntnisse zum Ausbaubedarf im Rahmen eines nationalen Netzentwicklungsplans gewonnen werden, womit auch der Vorgabe von § 12b Abs. 1 EnWG entsprochen würde: zur Optimierung des vorhandenen Netzes beizutragen.

Ansprechpartner: Prof. Christian Held/Prof. Dr. Christian Theobald/Prof. Dr. Ines Zenke

Ansprechpartner Smart Grids: Dr. Jost Eder

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