Wie die Kommunalwirtschaft auf die Coronakrise reagiert: im Gespräch mit Steffen Maiwald von den Stadtwerken Trier

© Stadtwerke Trier

Wie geht die Kommunalwirtschaft mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie um? Dieser Frage widmen wir uns in einer losen Blog-Reihe mit Vertretern der Branche. Für die heutige Ausgabe haben wir mit Steffen Maiwald gesprochen, dem kaufmännischen Vorstand der Stadtwerke Trier. Er erklärt, wie grundlegend und schnell sich der Arbeitsalltag bei dem kommunalen Versorger verändern musste.

BBH-Blog: Die Energieversorgung gehört zu den besonders sensiblen Infrastrukturen. Fällt diese aus, wird das Gemeinwohl stark gefährdet. Wie gehen die Stadtwerke Trier mit der aktuellen Situation um?

Maiwald: Seit der Ausbreitung des Corona-Virus hat sich der Arbeitsalltag bei uns grundlegend verändert. Mit einer Betriebsgröße von über 800 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von rund 350 Mio. Euro sind wir als regionaler Energie- und Infrastrukturdienstleister nach den branchentypischen Sicherheitsstandards zertifiziert. Die damit verbundene Vorbereitung auf mögliche Extremszenarien waren aber nur bedingt für die Herausforderungen der derzeitigen Covid-19-Pandemie nutzbar.

Als ersten Schritt haben wir Mitte März einen Koordinierungsstab als zentrales Entscheidungs- und Steuerungsgremium eingerichtet. Dieser sorgt für den Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sichert gleichzeitig den zuverlässigen Betrieb unserer lebensnotwendigen Infrastrukturen in der aktuellen Ausnahmesituation. Bisher ist uns beides sehr gut gelungen. Da sich unsere gesamte Belegschaft sehr schnell und konseqent auf die geänderten Arbeitsabläufe eingestellt hat, sind die Krankenstände erfreulich niedrig geblieben und es hat keine Versorgungsunterbrechungen gegeben.

BBH-Blog: Die Unternehmen stehen ja vor dem Anspruch, weitestgehend den „Normalbetrieb“ aufrecht zu erhalten, gleichzeitig aber situationsbedingt sehr flexibel, kreativ und innovativ reagieren zu müssen, auch um das Infektionsrisiko zu minimieren. Können Sie uns an einem konkreten Fallbeispiel aufzeigen, wie die Stadtwerke Trier das umsetzen?

Maiwald: Unser Koordinierungsstab hat zunächst Regeln für die internen Arbeitsabläufe aufgestellt: Wir vermeiden seitdem zum Beispiel Besprechungen und minimieren den Außenkontakt mit Kunden und Lieferanten. Außerdem haben wir innerhalb von 3 Tagen 120 neue Homeoffice-Arbeitsplätze geschaffen und damit alle Büro-Arbeitsplätze separiert. Die Montage-Teams für die technische Betreuung der Netze und Anlagen sind an verschiedenen Außenstellen positioniert. Ein täglicher Report hilft uns, den Überblick zu behalten, insbesondere um aktuelle Informationen zu Krankenstand und Einsatzbedingungen auszuwerten.

Die gesetzlichen Vorschriften haben sich aber nicht nur auf die internen Abläufe  ausgewirkt, sondern auch zu Einschränkungen in unserem Angebot geführt. Bereits Mitte März mussten wir unser Hallenbad schließen. Bis Anfang Mai sind unsere Stadtbusse nur eingeschränkt gefahren. In der Folge konnten zeitweise bis zu 55 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre gewohnten Tätigkeiten nicht mehr ausführen. Deswegen haben wir Job-Rotation eingeführt: Über einen Abgleich von Unterstützungsbedarf und den Kompetenzen der betroffenen Mitarbeiter haben wir schnell passende Einsatzmöglichkeiten gefunden. Wir profitieren davon, ein Mehrspartenunternehmens mit 12 Geschäftsfeldern zu sein, und konnten Kurzarbeit für unsere Belegschaft bisher vermeiden. Fünf Busfahrer mit handwerklichen Kenntnissen wurden beispielsweise bei Abriss- und Montagearbeiten auf einer internen Baustelle eingesetzt. Technisch ausgebildete Mitarbeiter aus dem Schwimmbad helfen bei der Umrüstung der Wechselrichterstationen in unseren Solarparks.

Gleichzeitig nutzen wir die derzeitige Situation für interne Instandhaltungs- und Reparaturarbeiten. Zum Beispiel wurde aufgrund der Schließung des Hallenbades die Grundreinigung und die Sanierung von Duschräumen vorgezogen. Ursprünglich waren diese Maßnahmen für den Sommer mit einer Schließzeit von zwei Wochen geplant.

Auch die Zwangspause für den Einzelhandel haben wir als Chance erkannt und die Infrastruktur in der Trierer Innenstadt modernisiert: Durch den geringen Fußgänger- und Lieferverkehr konnten wir zügig Hausanschlüsse erneuern, Mastleuchten demontieren, neue Seilüberspannungen mit LED-Technik ausstatten, unser SWT-City-WLAN ausbauen und 50 Gebäude an unser neues Glasfasernetz anschließen. Damit sind wir unserem Ziel, Trier zur ältesten Smart City Deutschlands zu machen, wieder ein Stück näher gekommen.

BBH-Blog: Die Stadtwerke Trier haben einen Lieferservice in ihr Vertriebsportfolio aufgenommen: Sie gehen für Ihre Kunden einkaufen. Wie kamen Sie auf diese Idee und wie wird der Service angenommen?

Maiwald: Die Idee ist im Mitarbeiterkreis entstanden. Wir wollten unsere Kunden in dieser Ausnahmesituation nicht alleine lassen und hatten Mitarbeiter im Busverkehr vorübergehend frei. Dabei nutzten wir unsere guten Geschäftsbeziehungen zu lokalen Super- und Biomärkten. Im Ergebnis haben wir von Ende März bis Mitte April Lebensmittel zu unseren Kunden nach Hause gebracht. Es gab eine sehr gute Resonanz auf unser Angebot. Insgesamt haben wir 160 Einkäufe und Lieferungen im Trierer Stadtgebiet übernommen.

BBH-Blog: Kommt der Kommunalwirtschaft in der aktuellen Situation als Akteur der Daseinsvorsorge eine besondere Verantwortung zu?

Maiwald: Auf jeden Fall: Mit unseren Produkten und Dienstleistungen gehören wir zum täglichen Leben der Bürgerinnen und Bürger. Ohne die sichere Versorgung mit Energie und Wasser wäre der ohnehin stark eingeschränkte Alltag für viele gar nicht mehr verkraftbar. Deswegen haben auch weiterhin der Gesundheitsschutz unserer Belegschaft und die Versorgungssicherheit für unsere Kunden für uns oberste Priorität. Wir sind zuversichtlich, dass wir dank unserer engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses derzeit hohe Niveau der Daseinsvorsorge auch bis zur Rückkehr in die Normalität – wie lange das auch immer noch dauern mag – halten werden.

BBH-Blog: Sehr geehrter Herr Maiwald, herzlichen Dank für das Gespräch.

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