Interviewreihe: Tim Meyerjürgens, Geschäftsführer, TenneT TSO GmbH

Am 24.4.2024 findet die BBH-Jahreskonferenz in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin statt. Im Mittelpunkt steht das Thema Energie in seiner Gesamtheit, seiner systemischen Verknüpfung und seiner Entwicklungsperspektive. „Energie heute & morgen“ ist daher auch der Titel der Veranstaltung. Zu den Teilnehmer:innen gehören Entscheider:innen aus Politik, Wirtschaft und Verbänden – und mit eben diesen Impulsgeber:innen haben wir im Vorfeld Interviews geführt, die wir an dieser Stelle veröffentlichen werden. Heute: Tim Meyerjürgens, Geschäftsführer der TenneT TSO GmbH.

BBH-Blog: Energie ist ein essenzieller Teil Ihres beruflichen Lebens. Welcher Aspekt genießt dabei bei Ihnen heute die höchste Priorität?

Tim Meyerjürgens: Der Ausbau der Netze – denn sie bilden das Rückgrat der Energiewende und sind ein entscheidender Hebel für die Integration erneuerbarer Energien. Unser zukünftiges Energiesystem braucht ein leistungsfähiges und resilientes Stromnetz auf allen Netzebenen. Das ist zentrale Grundvoraussetzung, damit der grüne Strom dorthin transportiert werden kann, wo er gebraucht wird. TenneT arbeitet mit Hochdruck daran, das Übertragungsnetz fit für die Zukunft zu machen. In den letzten Jahren haben wir in unserem Netzgebiet mehr als 1.100 Leitungskilometer für den Stromtransport an Land gebaut und in Betrieb genommen – das entspricht mehr als 40 Prozent des gesamten Übertragungsnetzausbaus in Deutschland. Weitere 40 Projekte mit einer Gesamtlänge von mehr als 3.500 Kilometern sind bei TenneT derzeit im Bau oder im Genehmigungsverfahren.

Klar ist aber auch: die Netze allein werden es nicht richten. Das klimaneutrale Energiesystem der Zukunft müssen wir integrativ denken, denn ohne eine kluge Sektorenkopplung und das konzentrierte Miteinander von Strom und gasförmigen Energieträgern wird sich dieses nicht ökonomisch umsetzen lassen.

BBH-Blog: Damit wir von der „Energie heute“ zur „Energie morgen“ kommen, brauchen wir einen Transformationsprozess. Welcher Baustein wird Ihrer Meinung nach dabei immer wieder unterschätzt? Und welcher überschätzt?

Meyerjürgens: Lange unterschätzt wurden die massiven Investitionen, die für den Umbau des Energiesystems erforderlich sind. Hier ist es wichtig, ehrlich zu sein: der Transformationsprozess kostet! So gehen wir allein für den Stromnetzausbau auf der Übertragungsnetz-Ebene bis zum Jahr 2045 von Investitionen in Höhe von 320 Mrd. Euro aus. Das ist der Preis, den wir als Gesellschaft für eine CO2-freie, heimische und sichere Stromversorgung zahlen müssen. Gleichzeitig ist dieser Preis aber immer im Verhältnis zu den Folgekosten zu sehen, die der fortschreitende Klimawandel sowie ausbleibender Netzausbau verursachen würden. Deshalb ist die gute Nachricht: Investitionen in das Energiesystem der Zukunft rechnen sich, denn Erneuerbare sind ökonomischer als Fossile. Es sind wertschöpfende Investitionen in die Zukunft unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Anderseits darf die Investitionsfrage nicht zur Akzeptanzfrage werden. TenneT nutzt deshalb alle Möglichkeiten, Einsparpotenziale beim Netzausbau zu heben und Effizienzen zu steigern, um unserem Auftrag für eine zuverlässige Energieversorgung verantwortungsvoll nachzukommen. Auch müssen wir hinterfragen, wieviel Mehrkosten wir als Gesellschaft noch bereit zu tragen sind für vermeintliche Akzeptanzmaßnahmen, wie zum Beispiel die Erdverkabelung von einzelnen Leitungsabschnitten.

Deutlich überschätzt ist das Zeitfenster, das uns noch bleibt, um klimaneutral zu werden. Bereits bis zum Jahr 2030 sollen mindestens 80 Prozent des verbrauchten Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien stammen, bis spätestens 2045 will Deutschland klimaneutral sein. Das Klimaneutralitätsnetz bildet dabei das zentrale Element unserer zukünftigen Energieversorgung – eine Stromnetzinfrastruktur, die komplett auf Erneuerbaren Energien beruht und gleichzeitig Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit sicherstellt. Mit Blick auf die ehrgeizigen politischen Ziele im Bereich der Erneuerbaren Energien gehen unsere Berechnungen sogar davon aus, dass das Klimaneutralitätsnetz zu großen Teilen bereits 2037 benötigt wird. Die hierfür notwendigen Netzausbauprojekte lassen sich jedoch nicht von heute auf morgen realisieren. Weiterhin hohes Tempo beim Netzausbau – an Land und auf See – ist daher zwingend erforderlich, denn 2030 ist für uns schon morgen, 2037 übermorgen.

BBH-Blog: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die ehrgeizigen Pläne für die Transformation des Energiesystems in Deutschland und Europa bis zur Mitte des Jahrhunderts nicht umgesetzt sind?

Meyerjürgens: Das kann und darf keine Option sein. Wir sehen aktuell eine ausgeprägte Pessimismus-Rhetorik in der öffentlichen Debatte rund um die Themen Klimawandel, Energiewende und Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie – dem setze ich mich entschieden entgegen. Ja, der Weg zur Klimaneutralität ist für ein bevölkerungsreiches Industrieland wie Deutschland ganz klar eine Kraftanstrengung. Dennoch stelle ich zu keiner Zeit infrage, dass dieser Plan scheitern könnte. Es geht nicht um das Ob, sondern um das Wie. Anstatt zu zweifeln, sollten wir unseren Fokus lieber darauf richten, wie wir den Herausforderungen bei der Transformation des Energiesystems in enger Zusammenarbeit mit allen beteiligten Akteuren begegnen können. Darüber hinaus gilt es, jegliches Beschleunigungspotenzial bei allen Vorhaben der Energiewende zu nutzen, weniger Bürokratie und mehr Pragmatismus zu wagen sowie eine koordinierte Entwicklung der Infrastrukturen für Strom, Gas und Wasserstoff weiter voranzutreiben.

BBH-Blog: Zum Abschluss: Welche Farbe assoziieren Sie mit dem Begriff „Energie“? [Anm. der Redaktion: Es geht ausdrücklich nicht um eine Wasserstofffarblehre o.Ä., sondern um die ganz persönliche Empfindung.]

Meyerjürgens: Ganz klar: bunt! Denn so wird der Energiemix der Zukunft aussehen – bunt und vielfältig. Genau wie wir bei TenneT: Als Europas erster grenzüberschreitender Übertragungsnetzbetreiber setzen wir auf Vielfalt. Rund 8.000 Menschen aus mehr als 70 Nationen arbeiten jeden Tag daran, die Energiewende weiter voranzutreiben. Diese bunte Vielfalt an unterschiedlichen Hintergründen und Kulturen sind für uns ein absoluter Mehrwert, denn in diversen Teams hinterfragen wir etablierte Denkweisen und lassen unterschiedliche Perspektiven einfließen. So entstehen innovative Lösungen, die wir zwingend brauchen, um die Herausforderungen der Energiewende meistern zu können.

BBH-Blog: Sehr geehrter Herr Meyerjürgens, herzlichen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf die weitere Diskussion im Rahmen unserer Jahreskonferenz am 24.4.2024.

Mehr Infos zu unserer Jahreskonferenz finden Sie hier.

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