Whistleblowing: Heldentum oder Verrat?

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Petzen ist böse. Das hat man schon als Kind gelernt. Beim „Whistleblowing“ – wenn Mitarbeiter wegen illegaler Praktiken in ihren Unternehmen die Unternehmensleitung oder Behörden informieren – gehen die Meinungen dagegen weit auseinander. Die einen sehen in einem solchen Hinweisgeber einen Denunzianten, der um des eigenen Vorteils willen andere „in die Pfanne haut“. Die anderen verehren ihn als moralischen Helden, der persönliche Nachteile in Kauf nimmt, um sich für das Gute einzusetzen. Als Whistleblower in der Energiewirtschaft wurde Sherron Watkins im Kontext des Enron-Skandals 2001 bekannt. In einem internen Schreiben versuchte sie, den Vorstandsvorsitzenden vor Missständen zu warnen und sagte nach dem Zusammenbruch von Enron bereitwillig aus. Übrigens: Unter anderem wegen Enron erließen die USA im Folgejahr den sog. Sarbanes-Oxley-Act, ein Gesetz, das wichtige Prinzipien der heutigen Compliance-Kultur festlegte.

Die Meinungsunterschiede um Whistleblower wollen jetzt Forscher der australischen Universitäten Griffith und Melbourne genauer unter die Lupe nehmen. Seit Mai dieses Jahres versuchen sie mithilfe einer Umfrage zu klären, wie Menschen auf der ganzen Welt zu Whistleblowing stehen. Ermittelt werden sollen insbesondere die Unterschiede zwischen sozialen und kulturellen Gruppen, der Einfluss neuer Technologien und sozialer Netzwerke auf das Whistleblowing und inwieweit Bürger bereit wären, Missstände auch an die Medien weiterzugeben. In der ersten Phase der World Online Whistleblowing Studie wurden mehr als 1.200 Australier von einem Marktforschungsinstitut befragt. Den ersten Ergebnissen zufolge wünschen sich 81 Prozent der Australier mehr Beistand und keine Bestrafung für Whistleblower. Allerdings glauben nur 55 Prozent, dass es etwas ausmachen würde, wenn sie Fehlverhalten in ihren Unternehmen öffentlich machen würden. Von seinem Arbeitgeber erwartet nur jeder zweite Unterstützung, wenn Missstände bekannt werden würden.

In der nun gestarteten zweiten Phase können unter https://whistleblowingsurvey.org/ Menschen aus aller Welt an der Umfrage teilnehmen. In insgesamt zehn Sprachen (darunter auch Deutsch) warten mehr als 40 Fragen auf die Beantwortung durch Interessierte – selbstverständlich anonym, versichern die Forscher.

Die leitende Forscherin der Studie, Suelette Dreyfuss, plädiert während dessen für die Stärkung der Rechte von Whistleblowern. Diese sind nämlich je nach Land sehr unterschiedlich ausgestaltet. In den USA beispielsweise sind Whistleblower nicht nur gesetzlich vor Arbeitsplatzverlust und Diskriminierung geschützt, sondern werden für die Hinweiserteilung zudem auch mal mit stattlichen Prämien belohnt. So sind nach dem False Claims Act, der den Betrug staatlicher Förderprogramme unter Strafe stellt, Hinweisgeber berechtigt, bis zu 30 Prozent des mit ihrer Hilfe aufgedeckten Schadens für sich zu behalten. Dem einen oder anderem hat das schon mal ein kleines oder auch größeres Vermögen eingebracht. In Deutschland dagegen kann einen so etwas die Karriere, wenn nicht gar die persönliche Freiheit kosten. Die Arbeitgeber kündigen meist das Arbeitsverhältnis fristlos, die Arbeitsgerichte bestätigen oft diesen Entschluss, da aufgrund der Verletzung der Treuepflicht eine weitere gedeihliche Zusammenarbeit eh nicht mehr zu erwarten sei. Daneben können auch die Strafverfolgungsbehörden auf einen aufmerksam werden, denn unberechtigtes Whistleblowing kann zum Beispiel wegen Verrats von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen (§ 17 UWG), wegen falscher Verdächtigung (§ 164 StGB) oder auch wegen Untreue (§ 266 StGB) strafbar sein. Der deutsche Gesetzgeber ist sich ebenfalls noch nicht sicher, ob Whistleblower eines besonderen Schutzes bedürfen. Jedenfalls bisher sieht die Regierungskoalition keinen Bedarf, ein Hinweisgeberschutzgesetz, wie es die SPD vorgelegt hat, zu erlassen.

Vielleicht werden ja die Ergebnisse der Studie die Entscheidung in die eine oder andere Richtung beschleunigen. Bis dahin gilt aber: Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er Whistleblowing als Heldentat oder als Verrat begreift, es fördert oder zu unterbinden versucht. Sich mit dem Thema Whistleblowing und Compliance-Organisation auseinanderzusetzen, ist aber allemal mehr als empfehlenswert.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Ines Zenke/Dr. Christian Dessau

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