Damals wie heute: Eine starke Kommunalwirtschaft braucht das Land

Geschäftsführer Thomas Bräuer         © Stadtwerke Stendal

Nach dem Mauerfall und dem Ende der DDR wollten die ostdeutschen Kommunen die Energieversorgung nach Jahrzehnten der Kombinatsstruktur endlich wieder in die eigenen Hände nehmen. Der Startschuss für diese großflächige Rekommunalisierung fiel – in Stendal. Zur Verhandlung des sog. Stromstreits 1991/1992 (wir berichteten) kam das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) nämlich nach Sachsen-Anhalt. Wie der Stromstreit ausging, wissen wir: Dank der kommunalen Bewegung haben wir auch in den neuen Bundesländern eine lebendige Stadtwerkekultur.

Ist die Geschichte damit beendet? Nein. Die gleichen Gründe, die die Akteure damals trieben, gelten heute immer noch: Bürgernähe, Demokratie, örtliche Lösungen für die Probleme vor Ort etc. Die Rekommunalisierung ist ein Prozess, der auch heute noch stattfindet. Z.B.: in Stendal.

Blog: Sehr geehrter Herr Bräuer, zunächst einmal Glückwunsch zum Jubiläum! Die Stadtwerke Stendal feiern in diesem Jahr – genauso wie BBH – ihr 30-jähriges Jubiläum. Für BBH ist der Stromstreit, den BBH-Namenspartner Dr. Peter Becker für über 140 Kommunen – u.a. für Stendal – führte, der Gründungsmythos der Kanzlei, der allen neuen Kolleginnen und Kollegen immer erzählt wird. Gibt es einen ähnlichen Gründungsmythos bei den Stadtwerken Stendal?

Bräuer: Vielen Dank für die Glückwünsche! Dass hier in Stendal das bedeutende Ereignis einer BVerfG-Entscheidung zugunsten der kommunalen Stadtwerke stattgefunden hat, erfüllt uns nach wie vor mit großem Stolz und ja, einen Gründungsmythos aus dieser Zeit gibt es. Die 1990er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren geprägt von einer großen Aufbruchstimmung und vielen neuen Herausforderungen für die Stadtwerke; diese Zeit bleibt unvergessen. Unser Stadtwerk hatte eine Vorreiterrolle in der Branche. Die Stadtwerke als solche wurden durch den Stromvergleich als kommunaler Versorger wieder zum Leben erweckt. Ein Großteil der Netze in Strom, Gas, Wasser, Abwasser sowie Wärme wurden in diesem Zeitraum erneuert oder neu verlegt. Aber auch viele technische Anlagen zur Ver-und Entsorgung wurden saniert oder neu gebaut. Am 18.11.1993 ging ein neues Heizkraftwerk in Betrieb. Der Ausstoß von Kohlendioxid reduzierte sich um 120.000 t, bei Schwefeldioxid um 500 t und beim Stickoxid um 115 t. Stendal atmete auf und erzeugte eigenen Strom. Das Investitionsaufkommen und die Herausforderungen in dieser Zeit waren überwältigend und prägend. Das Fundament wurde somit in dieser Zeit gelegt und ist damit ein Teil der Stadtwerke-DNA. Ein nicht unerheblicher Anteil unserer Kolleginnen und Kollegen begleiten die Stadtwerke ebenso seit über 30 Jahren und sind somit mit ihren Erfahrungen unentbehrlich geworden. Wirtschaftlich gab es natürlich auch schwierige Phasen, z.B. Anfang der 2000er. Um so dankbarer sind wir, dass durch die gute Arbeit der Belegschaft und das gute wirtschaftliche Handeln die Stadtwerke immer weiter wachsen konnten.

Blog: Sie sind Geschäftsführer der Stadtwerke Stendal und in der Region tief verwurzelt. Welche Bedeutung hat die Kommunalwirtschaft hier?

Bräuer: Die Stadtwerke sind eines der größten kommunalen Unternehmen in der Altmark und im Norden Sachsen Anhalts. Die Werke sind in Stendal und in der Altmark sehr aktiv. Viele unserer Dienstleister haben ihren Standort vor Ort in der Region, wir arbeiten eng zusammen. Unsere Belegschaft lebt hier. Somit bleibt ein sehr großer Teil der Wertschöpfung in der Region. Die Stadt ist unser kommunaler Anteilseigner und profitiert von der Ertragslage der Werke.

Blog: Was ist Ihnen wichtig, als kommunal geprägtes Unternehmen zu erreichen?

Bräuer: Zunächst einmal besteht eine sehr enge Verbindung zur Stadt und den Menschen in Stendal und der Altmark. Bei städtischen Vorhaben findet immer eine enge Abstimmung mit der Kommune statt. Die Stadtwerke stehen für die sichere kommunale Daseinsfürsorge. Als kommunales Stadtwerk wollen wir für unsere Kunden vor Ort erreichbar sein, eine günstige und sichere Versorgung bieten. Zudem sind wir in den Bereichen Umweltschutz durch den Ausbau von Ladeinfrastruktur und weiteren Photovoltaik-Flächen aktiv, um die Versorgung für die Bürger zukünftig noch nachhaltiger zu gestalten. Das Thema Glasfaserausbau und Digitalisierung sind nicht zuletzt wichtige Punkte, die in Zukunft weiter umgesetzt werden.

Blog: Wie sind die nächsten Schritte für die Stadtwerke Stendal? Sie bewerben sich derzeit (mit unserer Begleitung) ja z.B. um die Konzessionen in und um Stendal.

Bräuer: Die Stadtwerke wollen auch in Zukunft mit all ihrer Erfahrung als zuverlässiger Netzbetreiber vor Ort die Netze der Hansestadt Stendal einheitlich bewirtschaften. Bereits in den letzten Jahren wurden die Netze mit hohen Investitionssummen modernisiert. Die Netzkonzepte und die damit verbundenen Investitionen werden auch zukünftig weiter umgesetzt. Ebenso wollen wir in der Region mit den Kommunen darüber sprechen, dort als Netzbetreiber tätig zu sein. Ein weiterer Fokus richtet sich auf den Umweltschutz und die damit verbundene Umsetzung der Energiewende mit höheren Anteilen an regionaler, dezentraler Wind- und Sonnenenergie.

Blog: Lassen Sie uns zum Schluss noch ein Spiel spielen: Stellen Sie sich vor, der Stromstreit wäre vor 30 Jahren anders ausgegangen und die westdeutschen Konzerne hätten das Strom- und entsprechend das Gasvermögen übernommen. Wie sähe die Energiewirtschaft Ihrer Meinung nach heute aus?

Bräuer: Wir hätten hier weniger Arbeitsplätze vor Ort und damit weniger Einnahmen für die Stadt, Kundenkontakt über Hotlines in der Ferne, kaum Fokus auf kommunale Bedürfnisse und wenig regionale Wertschöpfung. Ein unschönes Szenario und erfreulicherweise ist es dazu nicht gekommen, so dass viele Bürger und Kommunen in Ostdeutschland auf ihre Energieversorger vor Ort zurückgreifen können.

Blog: Sehr geehrter Herr Bräuer, herzlichen Dank für das Gespräch und beste Grüße nach Stendal!

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