Interview: Energiewende im europäischen Verbund – Herausforderungen für die Netzstabilität

(c) Verbund 2012

Wolfgang Anzengruber ist der Vorstandsvorsitzende der VERBUND AG, dem größten österreichischen Stromerzeugungsunternehmen. Anlässlich des Parlamentarischen Abends „Energiewende im europäischen Verbund – Herausforderungen für die Netzstabilität“ hatten wir die Gelegenheit, mit ihm ein Interview für den BBH-Blog zu führen.

BBH-Blog: Herr Anzengruber, die deutsche Energiewirtschaft befindet sich im Wandel. Wie nehmen Sie als Österreicher die Diskussion um die deutsche Energiewende wahr?

Anzengruber: An der Energiewende führt kein Weg vorbei, sie macht aber auch nicht an nationalen Grenzen halt. Der gesamte europäische – wenn nicht globale – Energiemarkt ist im Umbruch. Deutschland steht im Mittelpunkt und ist auch Treiber der Energiewende, aber gelingen kann sie letztlich nur in enger europäischer Zusammenarbeit. Erneuerbare Energien werden zukünftig im Zentrum der Energieversorgung stehen. Nur das ist zukunftsfähig.

Energiewende heißt aber trotzdem mehr als Ausbau von Windenergie und Photovoltaik. Aus meiner Sicht wird das öffentlich oft zu wenig ganzheitlich dargestellt. Das führt dann manchmal zu wenig synchronisierten Aktionismen. Energiewende aber braucht Plan, Systematik und koordinierte Vorgehensweise. Sie beinhaltet Investitionen in Netzinfrastruktur, in flexible und gesicherte Stromerzeugung und in Speicher. Das ist nur realisierbar mit europäischen Lösungen und nachbarschaftlichen Partnerschaften. Oberste Priorität haben die Sicherheit der Energieversorgung, damit auch Netzstabilität und Steigerung der Energieeffizienz. Strom ist Teil der Lösung: Er wird zukünftig noch wichtiger werden und andere Energieträger noch stärker ersetzen sowie zentral zur Reduktion des Energieverbrauchs beitragen.

BBH-Blog: Sie haben ja dank der Wasserkraft in Österreich einen ganz anderen Strommix als Ausgangslage. Gibt es bei Ihnen denn trotzdem eine ähnliche Diskussion?

Anzengruber: Österreich hat eine sehr gute geografische Ausgangslage, die uns ermöglicht, bereits heute rund 70 Prozent unseres Stroms aus Erneuerbaren Energien – allen voran Wasserkraft – zu erzeugen. Darauf sind wir stolz, aber es spornt uns auch an, weiter voranzukommen. In Österreich wird Atomkraft seit Jahrzehnten abgelehnt, nicht nur im eigenen Land, sondern auch an den Grenzen und darüber hinaus. Strom der aus Kernkraft erzeugt wird, wird ebenso kritisch betrachtet wie Strom aus fossilen Kraftwerken. Daher gibt es auch bei uns eine intensive Diskussion darüber, wie und wann wir eine Energiewende zu 100 Prozent Erneuerbaren Energien schaffen werden.

BBH-Blog: Das Thema des Parlamentarischen Abends ist die Netzstabilität. Die VERBUND AG besitzt ja das größte Hochspannungsnetz in Österreich. Beschäftigt Sie das Thema Netzstabilität heute mehr als im Jahr 2009, als Sie zu VERBUND kamen?

Anzengruber: Das Thema Netzstabilität und Netzausbau beschäftigt VERBUND schon viel länger. Die Energiewirtschaft ist generell langfristig ausgerichtet. Das Stromnetz betrifft das ganz besonders. Netzausbau und Netzstabilität mussten immer bereits jahrelang gesichert sein, bevor Kapazitäten erreicht waren. In Österreich wie in Deutschland gibt es zudem seit Jahrzehnten Widerstände aus der Bevölkerung gegen den Leitungsbau – auch das verzögert die notwendigen Ausbaupläne. Was sich aber in den letzten Jahren massiv geändert hat, ist die Dynamik. Der starke Ausbau der wetterbedingt schwankenden Erneuerbaren Energien stellt das Netz vor ganz neue Herausforderungen in einer ungeahnten Dimension. Dazu kommt das beschleunigte Tempo. Hier gilt es gut zu planen und zu koordinieren, um auch langfristig wirksame Lösungen zu erzielen.

BBH-Blog: Sie sprechen von Ihren Pumpspeicher-Kraftwerken als „grüne Batterie Mitteleuropas“. Reden wir von einer Knopfzelle oder einer Autobatterie?

Anzengruber: Mir ist wichtig: Für die Energiewende braucht es eine europäische Lösung für die Netzstabilität sowie die Stärkung der Energiepartnerschaft Österreich und Deutschland. Dazu sind absolut notwendig: Investitionen in Netzinfrastruktur, in flexible und gesicherte Stromerzeugung und in Speicher. Nicht nur einer dieser Bereiche, sondern alle.

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien schreitet zügig voran. Was aus ökologischer Sicht gut ist, bringt auch neue Herausforderungen mit sich, da die Integration stark schwankender Erzeugung hohe Flexibilität im System erfordert. Pumpspeicher-Anlagen sind nicht nur die mit Abstand effizientesten und kostengünstigsten großtechnischen Optionen der Stromspeichertechnologie, sondern ermöglichen auch diese Flexibilität.

Als einer der führenden Stromerzeuger aus Wasserkraft in Europa legt VERBUND daher größtes Gewicht auf Stromspeicherung in neuen Pumpspeicher-Kraftwerken und auf die Steigerung der Wirksamkeit bestehender Anlagen. Denn Pumpspeicher-Kraftwerke sind die idealen Partner für Strom aus stark wetterabhängigen erneuerbaren Energieträgern wie Wind und Sonne – DIE Chance für Österreich, beim weiteren Ausbau der Alpenspeicher Europas „grüne Batterie“ zu sein.“ Wir erzeugen heute geschätzt etwa 0,8 Prozent des Stroms in der EU (Österreich gesamt 2,5 Prozent), erbringen aber bereits rund 6 Prozent der gesamten Pumpspeicher-Leistung der Union (Österreich gesamt rund 20 Prozent). Diese Position wird unter anderem durch die Pumpspeicher-Kraftwerke Limberg II (am Netz seit 2011) und Reißeck II (am Netz 2015) sowie weitere geplante Speicherkraftwerke (Limberg III, Energiespeicher Riedl) weiter gestärkt.

BBH-Blog: Wie wird die europäische Energiewirtschaft in einigen Jahrzehnten Ihrer Meinung nach aussehen? Und welche Rolle wird die VERBUND AG dann einnehmen?

Anzengruber: Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, wie etwa die Endlichkeit der fossilen Ressourcen, Umwelt- und Klimaveränderungen sowie steigender Strombedarf, werden in den kommenden Jahren das Energiesystem nachhaltig verändern. Das derzeit noch von fossilen Energieträgern dominierte System soll zu einem nachhaltigen System mit Schwerpunkt auf erneuerbare Energieträger umgestaltet werden.

Aufgrund dieser geänderten Bedingungen in der Energiewirtschaft sind innovative Lösungen für ein neues Stromsystem nötig, das den hohen Ansprüchen bezüglich Umweltverträglichkeit, Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz genügt. VERBUND ist frühzeitig dabei und entwickelt neue Anwendungen und innovative Lösungen für das Energiesystem der Zukunft.

Als das führende österreichische Stromunternehmen und als einer der größten Stromerzeuger aus Wasserkraft Europas erbringen wir zukunftsweisende Energielösungen für verantwortungsvolle Menschen. Eines unserer Ziele ist, mittels der Entwicklung neuer Stromanwendungen den Anteil des Stroms – vor allem aus erneuerbaren Quellen – am Gesamtenergiemix zu erhöhen. Vorrang haben für uns neben der Entwicklung neuer Stromgewinnungsmethoden – zum Beispiel für sensible Gewässer – die Effizienzthemen Elektromobilität und Energiemanagement. Wir beteiligen uns aktiv an der Strom-Revolution im Verkehr und forcieren die Markteinführung von E-Autos.

BBH-Blog: Zum Abschluss noch eine ganz andere Frage. Offiziell sind Sie der Vorstandsvorsitzende bzw. CEO der VERBUND AG. Intern sind Sie aber weiterhin der „Herr Generaldirektor“. Wie kombiniert man erfolgreich Tradition und Moderne?

Anzengruber: Schon als VERBUND vor 65 Jahren gegründet wurde, war es unsere Aufgabe zu „erneuern“, indem wir Traditionen aufnahmen. Tradition ist in unserem Verständnis Teil einer lebendigen Kultur. Sie zu nutzen bedeutet, das Neue im Einklang mit dem Markt und der Gesellschaft neu zu erfinden. Wir betrachten Traditionen vereinfacht als Innovationen, die funktioniert haben. Das hat uns zur Instanz für Strom in Österreich gemacht und diese wollen wir auch bleiben. Tradition im Zeitgeist neu interpretiert.

BBH-Blog: Herzlichen Dank für Ihre Zeit!

Dieses Interview führten Prof. Dr. Ines Zenke und Dr. Christian Dessau.

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